Summer Dreaming
Bürokraten

Mal wieder brechen „die letzten Tage“ meines Aufenthaltes im schönen Metz an.

 

Übermorgen, um diese Zeit sitze ich schon gelangweilt in der Stadt der Liebe und hoffe darauf, dass der Tag schnell rumgeht und ich endlich mein Praktikum bei der deutschen Botschaft Schrägstrich UNESCO antreten kann.

 

Bis heute zu überleben, war nicht ganz einfach, denn mehrere Male wurde ich in den letzten Tagen und Wochen Opfer der Bürokratie.

 

Fall 1: Stadt Mannheim

 

Um ein Führungszeugnis zu beantragen, dass ich für mein Praktikum bei einer deutschen Behörde wie dem Auswärtigen Amt vorlegen muss, setzte ich mich mit der Stadt Mannheim in Verbindung, bei denen ich noch immer offiziell gemeldet bin.

 

Da ich das Zeugnis nicht persönlich beantragen konnte, da ich physisch überall, aber eigentlich nie in Mannheim anzutreffen bin, setzte ich mich per Email in Kontakt mit einer netten Mitarbeiterin der Stadt und schilderte ihr die Situation.

 

Sie sagte mir, ich könne das Zeugnis nur persönlich beantragen.

 

Nach langem Hin- und her entschied sie sich schließlich doch dafür, mir zu erlauben, es schriftlich zu beantragen. Ich benötigte dafür die Kopie meines Ausweises, ein Anschreiben mit meinem Anliegen, sowie 13 Euro. Letztere durfte ich selbstverständlich nicht bar bezahlen: Man bat mich, der Stadt Mannheim eine Einzugsermächtigung zu meinem Konto auszustellen.

 

Ich dackelte also zur französischen Bank meines Vertrauens. Dort sagte man mir, die Einzugsermächtigung müsse der oder diejenige zur Verfügung stellen, der oder die von meinem Konto abbuchen will. Ich hätte dann nur noch zu unterschreiben.

 

Per Email schrieb ich diese Neuigkeit an die Stadt Mannheim. Die Antwort lautete nach nur wenigen Tagen: Ohne die 13 Euro, können wir Ihnen kein Zeugnis ausstellen.

 

Ich fragte also, ob es denn möglich sei, die 13 Euro zu überweisen. Die Antwort, nach nur wenigen Tagen lautete: Ja!

 

Ich hatte zudem gelesen, dass es möglich wäre, das Zeugnis an eine deutsche Behörde zu schicken, also direkt an die deutsche Botschaft in Paris. In mein Anschreiben bat ich, genau das mit meinem Führungszeugnis zu tun, da ich ja, wie die netten Beamten schon wussten, zur Zeit nicht in Mannheim, sondern in Metz wohnen würde und das Zeugnis in meiner Mannheimer Adresse nicht ankommen würde.

 

Nach etwa einer Woche bekam ich eine Email, in der stand: Leider können Führungszeugnisse nicht ins Ausland geschickt werden.

 

Ich schrieb also zurück und bat darum, das Führungszeugnis ins Auswärtige Amt nach Berlin zu schicken. Nach einigen Tagen lautete die Antwort:

 

Wir können Ihr Führungszeugnis nur an Ihre Mannheimer Adresse schicken. Sonst nirgendwohin.

Wutentbrannt griff ich ausnahmsweise zum Hörer und rief die Mitarbeiterin an, verzweifelt genug, um 53 Cent pro Minute ins deutsche Festnetz hinzublättern. Diese bestätigte erneut, dass es nicht möglich sei, das Führungszeugnis ans Auswärtige Amt zu schicken. Ich widersprach solange, bis sie mir eine berliner Nummer gab: „dann rufen sie doch selbst in Bonn an“. Mein Hinweis, dass es sich um eine berliner Nummer handelte, lies sie völlig kalt – das würde sie nicht glauben.

 

Als ich bei der Nummer anrief, landete ich beim Justizministerium in… Berlin, richtig. Eine freundliche Stimme vom Band erklärte mir, welche Informationen sie mir jeweils zu Verfügung stellen konnte:

 

„Drücken Sie 1 für Gerichtliche Verfahren usw. und endlich: drücken Sie 5 für Polizeiliche Führungszeugnisse.“ Ich drückte 5.

 

„Willkommen bei Polizeiliche Führungszeugnisse. Haben Sie Fragen zum Führungszeugnis, drücken Sie die 1. Haben Sie bereits ein Führungszeugnis angefragt, drücken Sie die 2.“, usw. bis endlich: „Möchten Sie ein Führungszeugnis beantragen, drücken Sie die 5“. Eine Minute kostete noch immer 53 Cent.

 

Endlich drückte ich die 5. Die Stimme sagte: „Wenn Sie ein Führungszeugnis beantragen wollen, wenden Sie sich bitte an das Bürgercenter der Stadt, in der Sie gemeldet sind.“ Tuut, tuut, tuut.

 

Ich rief also wieder in Mannheim an und erklärte der Dame, dass ich ihr die 5 Euro, die mein Gespräch mit dem Computer des Justizministeriums gekostet hatten, in Rechnung stellen würde und verlangte nach ihrem Vorgesetzten.

 

Ich sprach, nach nur weniger Wartezeit von knapp 3 Minuten (1,59 Euro) mit ihrer Cheffin und erklärte ihr die inzwischen schon sehr dringliche Lage. Sie sagte: „Natürlich schicken wir Ihr polizeiliches Führungszeugnis zum Auswärtigen Amt nach Berlin. Ich weiß gar nicht, wo das Problem ist!?“

 

Fall 2: Der DAAD

 

Fast noch am selben Tag, an dem ich die Zusage für mein Praktikum erhalten hatte, bewarb ich mich um ein Kurzstipendium beim DAAD. Im Internet las ich, dass ein Praktikum mindestens 6 Wochen dauern sollte und der Praktikant kein Erasmus Stipendium erhalten dürfe.

 

Natürlich falle ich genau in die Kategorie des letzteren – dies allerdings nur bis zum 30. Juni, denn nur bis zu diesem Datum erhalte ich die lächerliche Summe von 200 Euro monatlich, die mir in Paris nicht weiterhelfen würde.

 

Ich bereitete also meine Unterlagen vor und schrieb einen Brief, in dem stand, dass ich zur Zeit eine Erasmusförderung erhalten würde, diese aber nur bis Juni, sodass ich mein DAAD Stipendium gern für den Monat Juli beantragen würde.

 

Die Antwort eines Herrn Nej lautete: „Leider können Sie das stipendium nicht in Anspruch nehmen, da Sie eine Erasmusförderung erhalten.“

 

Hatte der liebe Herr Nej etwa nicht meine Email gelesen? Ich rief ihn mit erneuten 53 Cent die Minute an und wartete auf eine Erklärung.

 

Nach etwa 10 Minuten stand fest, ich würde das Stipendium erhalten, würde ich das Praktikum verschieben oder die Erasmusförderung absagen.

 

Ich entschied mich für letzteres und schrieb meiner Erasmuskoordinatorin in Mannheim. Diese sagte mir, es wäre kein Problem, die Erasmusförderung für den Monat Mai und Juni abzusagen, sodass ich das DAAD Stipendium in Anspruch nehmen könne. Ich benötigte nur die Unterschrift der Uni Metz, dass ich nicht mehr an der Universität studieren würde.

 

Drei Tage später erhielt ich die Zusage für das Stipendium – mit Vorbehalt. Bis Mitte Juni müsse ich beweisen, dass ich die Erasmusförderung nicht mehr in Anspruch nehme.

 

Fall 3: Universität Metz

 

Vor wenigen Tagen ging ich also mit meinem Certificate of Departure, dass jeder Erasmus Student vor Beendigung seines Semesters unterschreiben lassen muss, zu meiner Erasmuskoordinatorin der Uni Metz.

 

Ich erklärte ihr, dass ich am 9. Mai Metz verlassen würde und bat sie um die Unterschrift.

 

Aber das Semester sei doch noch gar nicht beendet, sagte sie, misstrauisch.

 

Doch, sagte ich, ich habe bereits alle Prüfungen hinter mir. Es fehlt lediglich eine. Diese wird am 17. Mai stattfinden.

 

„In diesem Fall kann ich Ihnen ihren ich leider nicht unterschreiben“, erklärte sie.

 

„Na gut“, räumte ich ein, „dann werde ich eben nicht an der Klausur teilnehmen. Kann ich jetzt bitte die Unterschrift haben?“

 

„Nein“, antwortete sie, „denn dann seh ich Sie nachher am 17. Mai hier auf dem Campus die Klausur schreiben!“

 

„Mein Gott“, schrie ich schon fast, „dann unterschreibe ich Ihnen eben, dass ich am 17. Mai nicht die Klausur schreiben werde!“

 

„Aber dann fallen Sie in diesem Fach durch“, drohte sie mir.

 

„Ja, das Risiko muss ich wohl eingehen“, genervt, wie ich war.

 

„Aber dann müssen Sie die Erasmus Fördrung zurückbezahlen“, sagte sie.

 

Ja, genau das war es, was ich wollte!

 

Trotz allem wollte man mir keine Unterschrift geben. Unmöglich. Ich solle am übernächsten Tag wiederkommen. Dass es dringend war, war der netten Dame egal.

 

Nachdem ich eine Email an den Dozenten geschrieben hatte und ihm mitteilte, dass ich die Klausur nicht mitschreiben würde, nachdem ich noch einmal an das Auslandsamt der Uni Metz geschrieben hatte, nachdem ich noch mal meiner Erasmuskoordinatorin in Mannheim geschrieben hatte, usw. bekam ich gestern endlich die Unterschrift.

 

Ob ich mein Erasmus Stipendium nun wirklich nur für den Monat Mai und Juni ablehnen kann und was Herr Nej dazu sagt, erfahrt ihr nach der nächsten Maus.

 

 

 

7.5.10 20:08


Karius und Baktus

Vor etwa 10 Tagen stellte ich ein klaffendes Loch in meinem linken Backenzahn fest. Eine Schrecklichkeit, die in ihresgleichen nicht zu übertreffen war, denn sie hinderte mich daran, meiner Lieblingsaktivität, dem Schokoladeessen, nachzugehen.

 

Gestern, nach einem mehr oder weniger sinnlosem Tag, hatte ich plötzlich die Eingebung, wenigstens etwas schaffen zu müssen und lies mir einen Termin beim Zahnarzt geben. Ich hatte frühstens mit nächster Woche gerechnet doch der Zahnarzt, der in seiner Praxis mangels Sprechstundenhilfe selbst die Termine vergibt, setzte meinen Termin auf heute morgen um 8.30h an. Kaum Zeit, sich mentral darauf vorzubereiten.

 

Seit dem ich mir nach der Behandlung keine belohnenden Spielzeuge mehr aus einem großen Korb neben der Rezeption fischen kann, habe ich in den letzten Jahren meiner Jugend eine höllische Angst vor Zahnärzten entwickelt. Obwohl ich die Zunft der Zahnärzte doch mehr als bewundere, muss ich jedem Zahnarzt, bevor ich meinen Mund öffne, klarmachen, dass er diese Patientin nicht überleben wird, wenn er ihr auch nur einen Zahnschmelz krümmt.

 

Als ich das Kabinett (so würde man "Praxis" auf Französisch übersetzen, was in Anlehnung an die Assoziation an das Wort Gruselkabinett sehr passend klingt) des Zahnarztes betrat, wollte ich am liebsten sofort rausrennen. Seine Geräte schienen älter als er selbst, der einen Arztkittel aus vergangenen Zeiten mit auffällig vielen Reißverschlüssen trug.

 

Ich erklärte ihm also, dass ich wirklich, wirklich Angst hätte und er versprach mir, sehr vorsichtig zu sein. Ich solle einfach die linke Hand heben, wenn ich Schmer… zack, war die Hand auch schon oben, allerdings nicht die linke, sodass ich ihm aus Versehen eine klebte.

 

Meine wunderschönen Zähne wurden aufs äußerste gelobt (bzw. lobte er viel mehr seinen Kollegen, den Kieferchirurgen, der dieses Kunstwerk auf dem Gewissen hat) und mein „kleines“ Kariesproblem würde er schnell mit dem Bohrer beseitigen.

 

Ob es da ‚ne Spritze gäbe? „Ach, das brauchen wir nicht“, sagte mein Arzt. Ich weigerte mich nur einige Sekunden lang, den Mund zu öffnen und hob vorsichtshalber schon den linken Arm an. Bohren ohne Spritze? Was für ein Horrorarzt saß da vor mir?

 

Nachdem er das Loch gefüllt hatte, bemerkte er, dass fast alle meine Zähne von außen fast komplett frei von Zahnschmelz waren. Wie ich denn die Zähne putzen würde, fragte er mich und holte sein uraltes künstliches Klappergebiss aus der Schublade, pustete einmal drüber, um den Staub zu entfernen und drückte es mir in die Hand.

 

Ich schrubbte also mit der Zahnbürste das Plastikgebiss, wie ich es auch mit meinen Zähnen tat. Der Zahnarzt brach fast zusammen: Diplomatisch lobte er zwar meine „Energie“, die ich ins Zähneputzen steckte, doch erklärte mir auch, dass ich mit dieser Methode wirklich alles wegputze – auch den schützenden Zahnschmelz.

 

Wie in der Grundschule zeigte er mir also, wie ich meine Zähne in Zukunft putzen solle: mit kreisenden Bewegungen („aber Vorsicht, das geht auf die Arme!&ldquo. Wie peinlich!

 

Knapp eine Stunde werkelte der Herr an meinen Zähnen herum, während mein linker Arm, der ständig in die Höhe schnellte, schon an Blutzufuhr litt. Ich musste unwillkürlich an den indischen Mann denken, der seinen rechten Arm zum Protest gegen irgendetwas für einige Wochen in die Luft heben wollte und der in dieser Zeit abgestorben ist, sodass er seinen Arm nun sein Lebtag in die Luft strecken muss.

 

Dass mein Arm doch noch ausreichend mit Blut versorgt wurde, merkte ich, als ich den Stundenlohn der Zahnarztes erfuhr, den ich mit kalten Fingern in sein EC-Kartenlesegerät eintippte: 155, 40 Euro.

23.4.10 17:58


Verkehrschaos

Wenn in Europa keine Flugzeuge mehr abheben, die Züge überfüllt sind und die Bahngesellschaften das Geschäft ihres Lebens machen, was macht dann die französische Bahn?

 

Streiken!

 

Am Freitag, als ich mich von meinem seit so langer Zeit herbei gefieberten Treffen mit Shirin nur noch wenige Stunden trennten, fuhr ich zum schönen Metzer Bahnhof, um mich dort auf die vierstündige Fahrt nach Bonn zu begeben.

 

Wie immer gab ich mich sehr undeutsch und stellte mich eine dreiviertel Stunde, bevor mein Zug abfuhr, in eine etwa zwanzig Meter lange Schlange. Adrenalinkick garantiert.

 

Als ich endlich dran war und mir die Frau am Schalter mein Ticket verkauft hatte, fragte sie mich scheinheilig, ob ich denn schon wisse, auf welchem Gleis mein Zug fuhr. Ich wusste es nicht und sie riet mir, lieber noch mal an der Information nachzufragen.

 

Ich rannte also zum Infoschalter. Noch drei Minuten. Und wartete, bis sich ein junger SNCF Angestellter erbarmte (wahrscheinlich, weil ich an diesem ersten wunderschönen Frühlingstag so bezaubernd aussah) und mir erklärte, dass niemand wisse, wo and wann Züge eintreffen würden. Oder ob überhaupt. Er deutete auf einen Stand aus einem großen Pappkarton, in dem ein lilagekleideter Herr mit Schnurbart saß. An den solle ich mich wenden.

 

Ich ging also zu dem Mann im Karton, den bereits dutzende andere Fahrgäste umdrängten. „Warum streikt die SNCF schon wieder?“, wollten alle wissen.

 

Der Schnauzbärtige betonte, dies sei kein Streik. In einem Streik seien die streikenden verpflichtet, einen minimalen Beförderungsservice anzubieten. Eine gewisse Prozentzahl des Fahrplanes muss dann eingehalten werden. An diesem Tag würden allerdings GAR KEINE Züge fahren, nicht mal einer.

 

In diesem Moment ging mein Blick hoch zur Anzeigetafel auf der zur selben Zeit wie durch ein Wunder restlos alle Züge verschwanden.

 

Der Mann erklärte, dass am vorigen Tag, ein Kontrolleur Opfer von Gewalt geworden war und sich die Kontrolleure aus diesem Grund heute nicht zur Arbeit gemeldet haben. Sie seien nicht gekommen. Doch ohne Kontrolleur könne ein Zug niemals abfahren. Das sei ein Gesetz, weswegen der gesamte Schienenverkehr in der Region Lorraine zum Stillstand gebracht worden sei.

 

Meine unglaublich große Wut mischte sich mit Bewunderung: Wussten die Franzosen denn nicht, dass ein Zug auch ohne Kontrolleur fahren kann? Schlimmer wäre es doch, wenn der Motor fehlte! Und wussten die Franzosen nicht, dass ihnen heute, am Tag des Nichtfliegens, das Geschäft ihres Lebens durch die Lappen ging.

 

Ja, sie wussten es.

 

Als ich den freundlichen Herr fragte, was ich denn nun tun könne, ich hätte einen wichtigen Termin, grinste er mich an und sagte:

 

„Nehmen sie doch das Flugzeug“

20.4.10 08:59


Traurige Bilanz

Mal wieder ist es mir einfach nicht möglich, meinen Blog mit sinnvollem – je noch nicht mal mit wenig sinnvollem – zu füllen. Mein Erasmusaufenthalt gibt einfach nicht die Geschichten her, die ich erwartet hatte.

 

Bevor ich ins aufregende Metz fuhr, weckte man in mir große Erwartungen. Erfahrene Austauschstudenten erzählten mir: „Ein Erasmusaufenthalt ist das tollste und beste, was ich in meinem ganzen Leben gemacht habe.“

 

Schon nach zwei Wochen stellte ich fest, dass mein Austausch nicht das tollste und beste sein würde, was ich je erlebt habe und ich kam ins Grübeln, warum.

 

Zu Beginn dachte ich, ich wäre einfach nicht kommunikativ genug. Ich versuchte, mit allen Menschen ins Gespräch zu kommen, jeden, der mir über den Weg lief zu zubretzeln, bloß viele Freunde zu finden, mit denen ich die wunderbarste Zeit meines Lebens verbringen könnte.

 

Pustekuchen.

 

Aus irgendeinem Grund blieben bis jetzt so gut wie alle Gespräche oberflächlich: „Das Wetter ist so schön.“ „Ich spiel gern Fußball.“ „Mein Internet funktioniert nicht.“ „Ich schreibe morgen eine Klausur.“ Interessant.

 

Ich versuchte also, den Menschen um mich herum tiefer greifende Fragen zu stellen. Religion. Politik. Essen. Und stiftete nur Streit.

 

Nach drei Monaten Erasmus habe ich nun so viele Vorurteile gegen andere Nationalitäten und Kulturen entwickelt, wie noch nie und schäme mich richtig während alle anderen sich hier scheinbar prächtig zu amüsieren scheinen.

 

Zino und Lucie zum Beispiel, der Marokkaner und die Tschechin, die alles, aber auch alles zusammen unternehmen. Mir sagt Zino nicht mal mehr hallo und er glaubt, mir damit einen besonders großen Schaden zuzufügen. Ich genieße seine Ignoranz, denn wenn es jemanden gibt, mit dem ich absolut nichts zu besprechen habe, ist es wohl Zino. Leider gehört auch Lucie zu diesen Menschen, auch wenn das nicht heißen soll, dass ich sie nicht mag: Wenn wir uns begegnen, sagen wir hallo, bleiben stehen, schweigen uns peinlich an und ich sage dann meistens: „ich muss leider weiter“. Umso mehr wundert es mich, wie es möglich sein konnte, dass Zino und Lucie zueinander finden und ich stelle mir gern vor, dass ihre Freundschaft darin besteht, den anderen peinlich anzuschweigen.

 

Ähnlich ist es bei Anna und Hakim. Nachdem Hakim mir noch vor zwei Wochen erklärt hat, wie schrecklich männlich er Anna finden würde und wie unangenehm ihre Stimme sei und wie sie in Bars wie eine Prostituierte tanzen würde, scheint er nun ein offizielles Techtelmechtel mit ihr zu haben. So offiziell, dass sie gerade zusammen in Polen bei Annas Familie sind.

 

Während ich anfangs eher traurig war, dass ich während meines Aufenthalts so oft nach Deutschland fahren muss, bin ich inzwischen immer froh, hier heraus zu kommen. Und zum ersten Mal in meinem Leben kann ich das Ende eines Aufenthalts gar nicht mehr abwarten.

 

Natürlich ist der ganze Aufenthalt nicht völlig umsonst. Ich habe immerhin viel Französisch gesprochen und ein bisschen abgenommen. Und vor allem gelernt, dass man irgendwo doch noch echte Freunde hat, mit denen man sich nicht nur übers Wetter unterhalten kann.

 

Am Sonntag zum Beispiel, als ich zusammen mit Katha bei Julia in Bonn war. Gegen 15h setzten wir uns in Julias gemütliches Zimmerchen und fingen an zu plaudern. Zu dem Film, den wir später noch gucken wollten, kam es nie: Wir plapperten durch bis 3 Uhr morgens und hatten immer noch Geschichten auf Lager und waren schon ganz heiser. Unglaublich irre – und unglaublich schön.

14.4.10 13:06


Islamic Finder

Das Tür-an-Tür Leben mit streng gläubigen Moslems führt ab und an zu heftigen Diskussionen über Männer und Frauen.

 

So musste ich in den letzten Tagen öfter mit Said und Hakim debattieren, um sie – vergebens – zu überzeugen, dass Frauen dieselben Rechte haben sollten wie Männer.

 

Said sagte, er würde nicht wollen, dass eine seiner Frauen arbeite. Eine Frau gehöre ins Haus, wo sie auf die sieben bis neun Kinder aufpassen und den Haushalt schmeißten müsse Warum? Weil Kinder ihre Mutter brauchen, weil Frauen gut kochen können – und, weil sie zu dumm sind, eine andere Tätigkeit auszuüben. Zitatende.

 

Als Vollblutfeministin bin ich, wie sich wohl jeder lebhaft vorstellen kann, auf die Barikaden gegangen und versuchte, meinen Nachbarn klar zu machen, dass Frauen ganz und gar nicht dümmer sind als Männer, sondern mindestens genauso intelligent.

 

„Ach ja? Guck dir doch mal an die Geschichte an. Fast alle Erfindungen in der Vergangenheit wurden von Männern gemacht!“, sprach Said weise. Außerdem hätten Wissenschaftler festgestellt, dass die Gehirne von Frauen viel kleiner wären, als die von Männern, außerdem wären Frauen an sich schon sehr viel schwächer als Männer und außerdem solle eine Frau nicht arbeiten, sondern ihrem Mann Kinder gebären und Respekt zollen.

 

Bei so gut gewählten Argumenten ist es selbst für eine rhetorische Fronnatur wie mich nicht möglich, den anderen von meiner Meinung zu überzeugen und so ließ ich es lieber bleiben und trat Said in Gedanken kräftigin den Hintern.

 

Im Grunde genommen ging es um eine Kleinigkeit: Hakim hatte ein Video einer Marokkanerin auf sein Facebook Profil geladen, die etwas leicht bekleidet orientalisch tanzte. Leicht bekleidet bedeutet in diesem Fall, dass sie ein stinknormales Kleid trug, dass ihr immerhin bis zu den Knien reichte. Klar, in Marokko ist es heiß.

 

Hakim nannte sie eine Prostituierte. Ganz klar, denn wer so tanzt und sich dabei auch noch filmen lässt, kann ja nicht anders, als auch mit Männern für Geld zu schlafen. Dieses Mädchen habe ganz offensichtlich allen Respekt vor sich und der Welt verloren und kein ehrenwerter Marokkaner würde sie auch nur mit dem Hinterkopf angucken.

 

Trotzdem konnte Hakim nicht widerstehen, mir zu erklären, wie extrem sexy und unglaublich hübsch er die kleine Tänzerin fand. Ja, auch er würde gerne mal mit ihr „tanzen“, wenn sie doch nur keine Nutte wäre.

 

Überhaupt verstehe er nicht, warum man sich als Frau prostituieren müsse. Schließlich hätte man ja die Wahl, auch einen anderen Beruf zu wählen. Zum Beispiel eben den der Mutter. Oder der Hausfrau. Oder der Köchin. Oder der Zweitfrau. Oder der Drittfrau.

 

Wer ins älteste Gewerbe der Welt einsteige, tue dies freiwillig. Doch wie konnte es überhaupt soweit kommen? Was war zuerst da, die Prostituierte oder der Freier?

 

Eine unbestrittene Wahrheit für Hakim ist, dass die Nachfrage durch das Angebot entstanden ist. Irgendwann einmal entschloss sich eine Frau, sich zu prostituieren. Auf diese Idee ist sie ganz allein gekommen, denn ein Mann könnte sich so etwas niemals ausdenken. Warum? Er hat schließlich seine Ehefrauen, mit denen er immer dann schlafen kann, wenn er möchte.

 

„Was, wenn die Frau mal nicht möchte?“, fragte ich.

 

„Warum sollte eine Frau nicht mit ihrem Ehemann schlafen wollen?“, fragten Hakim und Said verständnislos und wie aus einem Mund. Ja, warum sollte sie nicht wollen? Schließlich wurde sie allein dafür geschaffen. Das hatte ich tatsächlich vergessen – aber mein Gehirn ist ja auch nicht besonders groß.

 

Dennoch sollte ich erwähnen, dass bei Nacht nicht alle Katzen grau sind: Abass erklärte, er würde seiner Frau was erzählen, wenn die glauben würde, nicht arbeiten gehen zu wollen. Aber er würde selbstverständlich auch nie eine Frau heiraten wollen, die nicht mindestens so klug wäre wie er oder gar eine Frau, die sich damit zufrieden geben würde, ihr Leben lang in der Küche zu stehen und zu putzen. Mit so einer Frau könne er ja nicht über Politik und die Welt diskutieren und von so einer Ehe könne ja wohl keine der beiden Seiten profitieren. Ja, da schlägt mein weibliches Amnesty Herz in höchsten Tönen.

 

Abass scheint tatsächlich ein gutes Beispiel dafür zu sein, dass sich keine Religion dem Fortschritt entziehen kann:

 

Zur Gebetszeit ruft ihn der IslamicFinder, ein virtueller Imam vom Laptop aus. Damit er schnell die richtige Gebetsrichtung einschlagen kann – man weiß ja nicht immer, wo Mekka liegt – wirft er schnell einen Blick auf seinen in seinem Gebetsteppich integrierten LED-Kompass.

26.3.10 11:54


In der Weihnachtsbäckerei

Das Wohnheimleben erinnert mich mehr und mehr an Klassenfahrtleben.

Gestern abend, als wir eigentlich ein leckeres marokkanisches Gericht essen wollten, holte mich Karolina zu sich ins Zimmer. Bei ihr saß schon Anna und beide waren dabei, über Lucie herzuziehen, denn Lucie, "la vache", findet Karolina offenbar - und auf gut Deutsch - zum Kotzen.

Die Geschichte begann vor zwei Wochen, als Adrien in mein Zimmer platzte und mich fragte, ob ICH am Tag zuvor in Küche ein heißes Date gehabt hätte – und vom Nachtwächter erwischt wurde. Dieser hatte nämlich Adrien anvertraut, dass er am vergangenen Tag ein Pärchen „dabei“ ertappt hätte, doch da  der Nachtwächter ganz offensichtlich ein sehr diskreter Herr ist, wollte er nicht preisgeben, bei wem er denn da zu später Stunde reingeplatzt war.

Das Gerücht ging also herum und jeder wollte wissen, was es nun damit auf sich hatte oder ob Adrien nur mal wieder völligen Mist erzählt, wie so oft. Für mich war es am nächsten Tag schon gegessen, bist gestern…

…an dem Abend, an dem der Nachtwächter die zwei Liebenden überrascht hat, fand in Norberts Zimmer (ja, er heißt wirklich Norbert) eine kleine Party statt an der unter anderem Lucie und Karolina als einzige Mädchen teilnahmen. Da Karolina eine gute Tänzerin ist, schwang sie das Tanzbein mit einem so genannten Oleg, der sich bemühte, die sehr hübsche Karolina mit einem mazedonischen Volkstanz rumzukriegen.

Xavier, unser aller Franzosenfreund, brach in diesem Moment auf nach Hause und auch die Party löste sich so langsam auf. Jeder ging in sein Zimmer. Nur Xavier, der so dahinfuhr, überlegte, dass er die arme Karolina vielleicht doch hätte vor Oleg beschützen sollen und drehte auf halber Strecke um.

Zurück in Norberts Zimmer fand er keine Party, sondern nur den schnarchenden Norbert und auch in Karolinas Zimmer traf er niemanden an. Nein. Denn Karolina war mit Oleg in der Küche. Rauchen. zumindest ist das Karolinas Version, die ich gern glauben will, denn Karolina und Oleg, das wäre wie die Schöne und das Biest.

Tatsächlich kam dann der Nachtwächter rein, der nur sah, dass er nichts sah, denn es brannte kein Licht und als er das Licht anmachte, sah er nur eine verschmierte und zerzauste Karolina in kurzem Rock und einen grinsenden Mazedonier.

Wie auch immer: Adrien ging mit seinem Gerücht durch alle Zimmer und kam irgendwann bei Lucie an, die wusste, dass es nur Karolina und Oleg in der Küche gewesen sein konnten. Diese Geschichte erzählte sie brühwarm Adrien und allen anderen, die es hören wollten.

Und nun die Höhe, die die arme Karolina und die noch ärmere Anna völlig aus der Fassung brachte (&hellip: am letzten Samstag hatte Lucie eine kleine Fahrt nach Strasbourg geplant. Sie hatte vor, nur mit einer anderen Anna, Xavier und Milena zu fahren, doch Xavier, der Karolina sehr zugetan ist, fragte, warum der letzte Platz nicht an sie vergeben werden könne.

Die erste Anna hatte dabei Lucie und die zweite Anna im Flur belauscht. Lucie sagte: "Drück mir die Daumen, dass die scheiß Karolina nicht mit will." Die erste Anna wartete also ab, bis Lucie bei Karolina gewesen  war (die tatsächlich nicht mitwollte) und machte sich danach selbst auf den Weg zu ihr, um ihr zu erzählen, was sie gehört hatte. N

icht aber, um etwa zu lästern. Nein! So etwas würde Anna nie tun, denn sie ist eine sehr ehrliche Haut und möchte nur, dass alle Menschen um sie herum die Wahrheit über alle anderen Menschen wissen.

Zurückversetzt in die siebte Klasse.

24.3.10 09:01


Will you marry me?

Habt ihr euch je Gedanken darueber gemacht, wie ein perfekter Heiratsantrag  fuer euch aussehen koennte?

Xavier, mein Lieblingsfranzose und ich hatten am Montag abend eine rege Diskussion zu diesem Thema.

Xavier teilte seine kuehnsten Traeume mit mir: Er wuenscht sich, dass seine Zukuenftige, die eine Mischung aus Selma Hayek und Uma Thurman und ganz besonders huebsch, reich und intelligent sein sollte, aus einem Wald auf ihn zugeritten kommt. Da sie oben ohne ist, nutzt sie die Gelegenheit und beschriftet ihre Brueste mit einem grossen WILL YOU MARRY ME. In der rechten Hand haelt sie eine Dose Bier. Allerliebst.

Mein Traum hingegen ist, dass mein Auserwaehlter mir waehrend eines ganz besonderen Fallschirmsprungs einen Antrag macht:
Als Katzenfan wuerde ich wollen, dass aus dem Flugzeug zunaechst 12 kleine Katzen springen, die an den Pfoten zusammengebunden ein Herz formen und an kleinen Fallschirmen gen Boden segeln. Sobald sich die winzigen Fallschirmchen geoeffnet haben, ist mein Verlobter an der Reihe: Er springt aus dem Flugzeig direkt durch das Katzenherz und oeffnet seinen Fallschrim. In seinem Rucksack befinden sich weisse Tauben, die, sobald sich der Schirm oeffnet, aus dem Rucksack fliegen und an den Fuessen kleine rosa Herzen mit Liebesbotschaften meines Liebsten in die weite Welt tragen sollen. Sobald mein Herzallerliebster also sicher im Flug ist, gleitet ein Klavier, ebenfals an einem Fallschirm, an den Katzen vorbei zu meinem Schatz, der in der Luft fuer mich ein selbstkomponiertes Lied spielt. Auf dem Boden angekommen, landet er auf einem Einhorn, welches den teuren Diamantenring auf dem Horn traegt und sich, waehrend mein Liebster die Worte WILLST DU MICH HEIRATEN spricht, zu mir hinunterbeugt.

Xavier meinte, ich haette zu viele Ansprueche an die Maenner von heute. Wie bitte soll ein Mann in der Luft Klavier spielen? Wo soll er das Einhorn herbekommen? Wie sollen die Tauben im Rucksack ueberleben?

Abass war da schon optimistischer. Das Einhorn, das Klavier, die Tauben, alles kein Problem. Ihm machen eher die Katzen sorgen: Wo bitte soll man(n) 12 kleine Fallschirme herzaubern?
10.3.10 19:41


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