Summer Dreaming
Skiköpfe

Das Leben einer Erasmus Studentin ist nicht gerade leicht: ständig ist man unterwegs, ständig betrunken, ständig gibt man Geld aus für Eintritte und alkoholische Getränke.

 

Zumindest stellte sich Milena, meine italienische Mitstudentin, ihr Erasmusdasein so oder so ähnlich vor. In der letzten Woche beschwerte sie sich, wild gestikulierend, wie sich Italiener nun mal ausdrücken, dass wir eine extrem langweilige Truppe seien, die nie was unternehmen würden. Sie würde sich jetzt endgültig der Sache annehmen und eine Party planen, während der wir uns alle hemmungslos besaufen und auf den Tischen tanzen oder darunter liegen.

 

Bis heute ist aus ihrem gloreichen Plan nicht viel entstanden, wenn ich auch für meinen Teil behaupten kann, dass ich nicht ständig rumsitze und nichts tue.

 

Am Freitag war ich so zum Beispiel von Abass auf den Abschlussball der Masterabsolventen eingeladen, zu dessen Anlass ich mir ein unglaublich schickes Kleid gönnte (H&M, 24,95&euro. Said, der oft als mein Ganz-Körper-Spiegel fungiert, segnete mich ab und schon gings los, zusammen mit Abass Freunden, die alle nicht sehr in Feierlaune waren.

 

Die Gala fand in einem mittelgroßen Konzerthaus statt. Als wir reinkamen, warnte mich Abass vor seinem Englischdozenten Mr. Cooper, der jedes hübsche Mädchen sofort anbaggern würde (worauf ich den ganzen Abend vergeblich wartete).

 

Das Programm war klar strukturiert: Essen – Unterhaltungsprogramm – Essen, genauso, wie ich es gern hab. Das Menü begann vielversprechend mit einer Entenleberpastete auf Erbsenpüree an Orangenparfum (oder so ähnlich). Gespannt wartete ich nach dem Entrée auf das Plat Principal. Ich hoffte auf einen leckeren Lammrücken, Rinderfilet, gern auch Schweinerippchen geschwenkt in Weißweinsauce. Meine Erwartungen wurden bitter enttäuscht, als man mir einen Teller mit Lachs vor die Nase stellte, auf dem es sich zwei Langusten bequem gemacht hatten.

 

Angeekelt von den beiden scheinbar noch lebenden Meeresfrüchtchen, die mich mit ihren schwarzen Augen anstarrten, blickte ich mich um. Ich wollte nicht unhöflich sein, indem ich laute Brechreizgeräusche von mir gab und erst einmal überprüfen, ob sich gerade nur mein Magen verdrehte. Thomas, der neben mir saß, verspeiste bereits seine zwei kleinen Freunde. Abass schien zum Glück ein ähnliches Verhältnis zu Langusten zu haben, wie ich. So bestellten wir einen zweiten Teller auf dem wir – und 80% des Tisches – unsere Krebschen abluden.

 

Vor dem Dessert schließlich begann endlich das langersehnte Entertainment Programm. Eine Variété-Show, in der die Frauen zu Beginn noch recht konservativ gekleidet waren, deren Abschluss jedoch in einer Oben-Ohne-Unten-String-Choreografie mündete.

 

Gestern hatte ich Abass schließlich zu einem deutschen Filmeabend eingeladen. Das Leben der Anderen stand auf dem Programm im Sander Kino. Abass sagte: „Ich bringe Popcorn mit!“ Meinen Protest, dass das Leben der Anderen kein Popcorn-Film sei, sondern das grausame Schicksal meiner Landsleute in einer menschenverachtenden Diktatur zeige, störte ihn nicht.

 

Abass, der sich sehr für die deutsche Teilung zu interessieren scheint, beharrte nach dem Film darauf, sämtliche Kommentare anzusehen, die alle französisch untertitelt waren. Während wir also einem ehemaligen Stasi-Beamten lauschten bzw. lasen, musste ich plötzlich lachen:

 

In sächsischem Dialekt erklärte der gute Herr, die Stasi habe tatsächlich für die Sicherheit des Staates gesorgt, indem sie vor allem westliche Erscheinungsbilder überwachten und kontrollierten. Als Besipiel nannte er Punks und Skinheads – irrte sich aber in der Aussprache des letzteren, sodass er aus Versehen aber voller Überzeugung "Ski-Heads" sagte. Dies sind ganz klar Menschen, deren Köpfe die Form von Skiern besitzen, eine offensichtlich westlich-kapitalistische Ausprägung.

8.3.10 14:34


Missverständnisse

Nach einer kurzen, aber anstrengenden Woche bin ich nun wieder ins gute alte Metz zurückgekehrt. Was habe ich alle hier vermisst.

 

Said zum Beispiel, den ich gestern zu einem deutschen Frühstück eingeladen habe, dass vornehmlich aus Pumpernickel-Brot und Mortadella bestand. Dass er letzteres aß, musste ich mir hart erkämpfen: „Das kann ich nicht essen, das ist nicht ‚halal’“, erklärte er mir.

 

Ja, als Moslem hat man es nicht leicht. Nicht allein, dass man kein Schweinefleisch essen darf, man darf alle anderen Tiere auch nur essen, wenn sie auf eine bestimmte Weise geschlachtet wurden. Die Kehle aufgeschnitten zu bekommen und dann auszubluten tue den kleinen Kälbern dabei weniger weh, als ein Stromschlag im Wasserbad. Außerdem sei es witzig, ein kopfloses Huhn über den Hof rennen zu sehen.

 

Als ich noch mal einen Blick auf die Mortadella-Verpackung warf, stellte ich fest, dass ich nicht nur Geflügelmortadella gekauft hatte, sondern diese auch tatsächlich (wenn auch zufällig) ‚halal’ war, sodass Said mir mit einem „du kennst dich ja wirklich gut aus“ ein nettes Kompliment machte und richtig reinhauen konnte.

 

Unsere Gespräche hatten, wie so oft, den Islam zum Inhalt. Jedes Mal, wenn ich Said dazu etwas frage, betont er vorher, dass er nicht alle Einzelheiten kenne und mich nur an dem  wenigen teilhaben lassen könne, was er darüber wisse.

Er erklärte mir, dass er später gern mehrere Frauen heiraten möchte, denn er hätte gern viele Kinder. „Mal sehen, ob ich das finanziell auf die Reihe bekomme“, sagte er ganz verträumt in Gedanken bei seinem späteren reich erfüllten Sexleben. Meine Angst, dass er mich in seinen Harem aufnehmen wolle, nahm er mir, indem er sagte: „Tut mir leid Alena, ich mag dich wirklich, aber ich würde nie eine Europäerin heiraten“. Glück gehabt.

 

Als ich ihn fragte, was er denn für die Osterferien geplant habe, guckte er mich nur fragend an: „Was für Ferien?“. Bis sich herausstellte, dass er nicht wusste, was Ostern ist, vergingen einige Minuten.

 

Am Abend hatte ich mich mit Abass zum Essen verabredet, der von mir und Mama Geli zum Dank für seine Bemühungen den „selbstgestrickten“ Senegal-Schal geschenkt bekam. Ihm fiel leider sehr schnell auf, dass eine Woche Deutschland mich um einige Französischkenntnisse gebracht hatten.

 

Als ich so durch mein Zimmer turnte, verlor ich plötzlich die Balance und knallte gegen meinen Kühlschrank. Da er gerade den Abwasch erledigte (ich hatte schließlich gekocht), konnte er nur hören, nicht sehen, was passiert war und fragte, was los sei. „J’ai perdu ma balance“, rief ich, ziemlich glücklich, dass einige Wörter im Deutschen und Französischen doch gleich sind.

 

„Wie, hast du die mitgenommen oder was? Brauchst du die, um dein Gewicht zu überwachen?“, fragte er.

 

„Häh?“, sagte ich, und erklärte ihm, dass meine Balance mit meinem Gewicht nichts zu tun hätte, dass man sie verlieren kann, egal, ob dick oder dünn.

 

„Aber wie kannst du denn einfach so deine ‚Balance’ verlieren?“, fragte er.

 

„Ich hab getanzt und bin dann gegen den Kühlschrank gefallen, einfach so“, antwortete ich.

„Und dabei hast du deine ‚Balance’ verloren? Aber dann muss sie doch noch irgendwo sein!“, antwortete er.

 

Erst nach längerer Zeit aneinander Vorbeiredens stellten wir fest, dass das Wort „balance“ auf Deutsch nicht etwa Gleichgewicht bedeutet, sondern Waage.

 

1.3.10 11:27


Lieber nicht mit mir


Rassismus von Auslaendern gegenueber Auslaendern.
 
Eigentlich habe ich daran bisher nicht geglaubt sondern immer gedacht, dass Auslaender im Ausland in einem Boot sitzen (manche sitzen schon auf dem Weg ins Ausland in einem Boot). Gestern habe ich das Gegenteil erlebt.

Seit einiger Zeit verstehe ich mich gut mit Abass. Er ist Mitglied der Erasmus Studenten Organisation und hat mir geholfen, ein Bankkonto zu eroeffnen, mein Zimmer zu mieten und mir den Weg zum heiligen Land gewiesen, Aldi und Lidl. Abass kuemmert sich tatsaechlich besonders gut um mich und wer weiss, was noch daraus wird.

In der letzten Woche war er besonders abends bei mir anzutreffen - zum gemeinsamen Filme gucken, um mancher einers Fantasie direkt den Naehrboden zu nehmen.

Sonntag mittag traf ich Hakim auf dem Flur und er luf mich zu einem Tee ein. Ich sagte zu und antwortete auf die Frage, was ich getan haette, wenn er mich am Freitag  gekuesst haette, dass ich wahrscheinlich gegangen waere, weil ich ueberhaupt nicht von ihm gekuesst werden will. Er fragte mich also, ob es wegen Abass waere und ich sagte ihm, allein, damit ich mich nicht mehr rechtfertigen musste, "ja, vielleicht".

Ich ging zurueck in mein Zimmer und alles war mehr oder weniger gut.

Gestern, nach der Uni, nahm ich den Bus. Ich sah Hakim hinten sitzen zusammen mit Abdel, dem fremdgehenden Moechtegern Psychologen und entschied mich, doch lieber vorn stehen zu bleiben. Da hoerte ich Karolinas Stimme von hinten und drehte mich um und schon winkte sie mich zu sich - und meinen lieblings Marokkanern, bei denen sie stand.

Ich sagte "Salut" und hoerte zu, was die anderen erzaehlten, als Abass einstieg und mir von hinten kommend den Arm um die Schultern legte. Ich sagte ihm hallo und wir redeten, als Abdel sich ploetzlich zwischen uns stellte und sagte "Alena, ich glaube du hast uns noch nicht vorgestellt". Ich stellte alle ueberfluessigerweise vor, denn natuerlich kannten sie sich schon, und Abdel fragte Abass, wo er denn herkomme.

"Senegal", sagte Abass. "Aah, Dakar", sagte Abdel herablassend. "Ich komme aus Marokko. Ich hoffe du weisst, dass Marokko das schoenste Land in Afrika ist. Es gab eine Abstimming". "Abass antwortete, nicht mal ironisch: "Ich habe gehoert, dass es ein schoenes Land sein soll", und Abdel sagte etwas auf arabisch zu Hakim.

Als wir ausstiegen, liess ich die anderen vorgehen und trottete mit Abass hinterher. Da wir am Abend ein Deutsches Dinner mit geladenen Gaesten geplant hatten, wollte er sich noch kurz umziehen und mir danach bei der Vorbereitung der Frikadellen helfen. Er bog also ab, waehrend wir anderen weiter zu unserem Gebaeude gingen. Obwohl ich keine Lust hatte, mit den anderen zu plaudern, wartete Abdel auf mich und fragte provozierend, wie es wohl waere, wenn eine Deutsche und ein Schwarzer miteinander schliefen. Ich antwortete: "Il parait que c'est beau"; ich habe gehoert, es sei schoen, und er hielt mich am Arm fest und antwortete "Il PARAIT que c'est beau? Non, c'est SUR que c'est dégeulasse!"; du hast gehoert es sei schoen? Nein, es ist sicher, dass es ekelerregend ist!, und er liess mich in voller Breite an seinen Gedanken teilhaben und erklaerte mir, warum er als Frau niemals mit einem Schwarzen schlafen wuerde.

Ich wusste nicht, was ich zuerst tun sollte: Ihn wuergen, ihn anschreien, ihn anspucken, seinen Kopf gegen Wand schlagen und sein Gehirn in der Pfanne braten,... Die Entscheidung war so schwer, dass ich gar nichts sagte und Abdel vorerst seinen Siegeszug davon tragen liess.

Ich war so wuetend und geschockt, dass mir fast die Traenen kamen und ich konnte wirklich nicht verstehen, was los war. Wollte er mich provozieren, weil ich ihm am Freitag eine mehr als deutliche Abfuhr gegegeben hatte? Oder weil ich Hakim eine Abfuhr gegeben hatte? Wollte er Abass beleidigen? Oder mich? Oder Deutsche und Schwarze? Ich verstand die Welt nicht mehr.

Wie auch immer, nicht mit mir, sagte ich mir. Mein Schlachtplan stand fest und ich wartete, bis Abass bei mir war, um ihn vorzubereiten: "Ich werde spaeter wahrscheinlich etwas sehr fieses zu Abdel sagen". Ohne, dass ich auch nur das geringste gesagt hatte, wusste er schon, dass Abdel irgendwas ueber ihn und mich gesagt haben musste und haette es am liebsten aus mir rausgeschuettelt - waere er ein Psychopath wie Abdel.

Etwa eine Stunde spaeter sassen wir zu zehnt in der Kueche und genossen unseren Kartoffelsalat und unsere Buletten, als Abdel reinkam und fragte, ob er noch immer eingeladen sei. "Klar", sagte ich, und ich merkte schon, wie meine Stimme zitterte, "setz dich doch, vielleicht koennen wir unsere Diskussion von vorhin fortsetzen, denn ich wuerde gern wissen, was die anderen davon halten". Abdel grinste und sagte, er wisse gar nicht mehr, worum es vorhin ging. "Komisch, dabei haben wir doch den ganzen Rueckweg geplaudert.", sagte ich und alle hoerten zu. "Abdel ist naemlich der Meinung, dass es ekelerregend sei, wenn eine Deutsche und ein Schwarzer mieinander schlafen".

WUSCH.

22 Augen auf Alena, 22 Augen auf Abdel, 22 Augen auf Abass und Jo, die am Tisch sassen.

"Alena, ich glaub du hast das falsch verstanden, du musst einfach mal besser Franzoesisch lernen", versuchte Abdel sich herauszureden.

"Abdel, ich glaube die Woerter "noir", "allemande" und "dégeulasse" kann ich gerade noch entziffern", antwortete ich zitternd vor Wut.

"Hey Leute, glaubt das nicht, was sie sagt, das denkt sie sich aus, sie luegt," sagte er ziemlich wnig ueberzeugend, "Jo, Abass, ich habe nichts gegen euch".

Auf die anderen zehn war Verlass und ihre Reaktion war genau so, wie ich sie mir gewuenscht hatte: sie waren geschockt und redeten wie wild durcheinander und sagte, das kann ja wohl nicht wahr sein und fragten Abdel, was er sich denn dabei gedacht haette. "Das war ja nur Spass", versuchte er zu erklaeren - aber keiner lachte, nur ich, ganz still in mich hinein, auch wenn ich damit wohl nun mindestens einen FReund weniger in meinem Wohnheim habe - auf den ich allerdings gut verzichten kann.
16.2.10 13:33


Betrunken

Das Gerücht, dass Polen sehr viel Alkohol und am liebsten Vodka trinken, kann ich inzwischen wohl bestätigen.

 

Gestern feierten wir Annas Geburtstag, die nun 23 Jahre alt und eine recht trinkfeste Polin ist. Zur Feier des Tages lud sie uns deswegen in ihr 9qm Zimmerchen in der zweiten Etage ein. Zu zwölft machten wir es uns gemütlich. Jeder hatte eine Flasche Alkohol dabei außer meine Wenigkeit. Noch etwas angeschlagen von einer Grippe hatte ich mir geschworen, keinen Tropfen Alkohol anzurühren und ließ jede der vier Wodka Flaschen an mir vorüber gehen.

 

Gegen 22h waren alle schon so betrunken, dass der Bus in Richtung Stadt ohne uns abfuhr und der Nachtwächter schon zum zweiten Mal um Ruhe bat. Erst der nächste Bus, der eine Stunde später fuhr, brachte die zwei Nüchternen Hakim und Alena und die zehn bis zum Erbrechen Betrunkenen in die Bar Latino, unsere Stammbar, die eigentlich auch die einzige hier in Metz ist.

 

In der Bar angekommen, waren alle Manieren längst vergessen, nur Abdel nahm mich bei Seite:

 

„Alena, weißt du, ich habe Psychologie studiert und ich beobachte dich schon eine ganze Weile. Deine Gestik, wie du lachst, wie du dich bewegst – für mich ist es klar: Du willst Hakim! Diese Spannung zwischen euch ist kaum zum Aushalten. Wir wären alle erleichtert, wenn du endlich rangehen würdest.“

 

Alles Abstreiten meinerseits wurde nicht akzeptiert. Abdel hatte gesprochen. Ich durfte gehen.

 

Tatsächlich muss ich zugeben, dass Hakim ein „beau gosse“ ist, ein gutaussehender junger Mann, doch das wissen nicht nur die anderen, sondern auch er. Hinzu kommt sein marokkanisches Temperament, mit dem er mich jedes Mal anschreit, wenn ich ihn nicht ausreden lasse oder mich als „Ausgeburt des Bösen“ beschimpft wenn ich ihm sage, dass er besser sein Hemd hätte bügeln sollen. Allein unsere inzwischen freundschaftliche Beziehung ist recht turbulent, weswegen ich sie nicht unbedingt vertiefen möchte.

 

Trotzdem verbrachte ich den Großteil des Abends mit meinem neuen besten Freund Hakim, der einzig Nüchterne in der Runde und lästerte über Anna, die unglaublich betrunken wie eine Stripperin tanzte, über Karolina, die, wenn sie nicht betrunken ist, ausgesprochen gut Ballett tanzt (so gut wie ich wir sie wohl aber nie werden), gestern aber öfter gegen Stühle, Wände und Tische knallte oder Milena, die bäuchlings auf dem Tisch lag oder, oder, oder.

 

Hakim und ich versuchten uns im lateinamerikanischen Standardtanz, an dem wir kläglich scheiterten und doch unseren Spaß hatten. Tapfer verteidigte er mich vor seltsamen Typen, die unbedingt das Tanzbein mit mir und meinen sexy Hüften schwingen wollten und erklärte jedes Mal, ich wäre mit ihm da und man müsse erst mit ihm tanzen, bevor er mich freigebe. Nur seinem besten Freund Abdel konnte er einen Tanz mit mir nicht verweigern, der mich daraufhin bat, mich bitte küssen zu dürfen.

 

Ich erinnerte ihn an seine Freundin Monica. „Nein, nein, wir vertrauen uns blind. Sie wird mir nicht böse sein, wenn wir uns als Freunde küssen.“ Da erklärte ich Abdel freundschaftlich, dass ich ihm mit voller Kraft in sämtliche Gliedmaßen treten würde, sollte er mit seinen Lippen auch nur in die Nähe meines Gesichts kommen.

 

Hakim hingegen war schon zur Stelle, zog schnell den Ausschnitt meines Oberteils nach oben und entriss mich Abdels gierigen Armen, der sein Glück inzwischen bei Anna versuchte, die mit zerwühlten Haaren versuchte auf einem Tisch zu tanzen.

 

Ich verstand mich tatsächlich gut mit Hakim bis Karolina, die betrunkene Tschechin auf uns zu geschwankt kam und ihm um den Hals fiel. Hakim sagte scherzeshalber, er wolle nicht, dass ich eifersüchtig würde. Da antwortete Karolina, ich würde nie eifersüchtig sein, denn ich wäre ja schon in Abass verliebt.

 

Boom!

 

Von einem lauthalsen Lachen versteinerte sich Hakims Gesicht in einer Zehntelsekunde, er drehte sich um und war von da an beleidigt und fest davon überzeugt, dass Betrunkene immer die Wahrheit sagen. Nein, erklärte ich ihm, Betrunkene sagen immer das, was sie für die Wahrheit halten. Er glaubte mir nicht und drehte mir stattdessen den Rücken zu und redete über eine Stunde nicht mehr mit mir.

 

Gegen 4 Uhr morgens waren plötzlich alle weg. Xavier, der grundsätzlich Alkohol trinkt, wenn er Auto fährt, fragte mich, ob er mich mitnehmen solle. Ich sagte nein, und sagte auch den anderen, sie sollen nicht mit ihm fahren und stattdessen mit mir ein Taxi nehmen. Karolina erklärte mir lallend, dass ich übertreiben würde. Xavier hatte nur drei Bier und einen Wein getrunken, und selbst sie könne in ihrem Zustand noch Auto fahren.

 

Ich fragte also Anna, Milena und die anderen Verdächtigen. Nein, sie würden noch bleiben, es sei gerade so schön. So schön, dass wir schon fast die einzigen auf der Tanzfläche waren.

 

Blieben nur noch Abdel, Monica, Hakim und ich, die Ballerinas mit dünnen dünnen Söckchen trug und unter keinen Umständen den 25-minutigen Fußmarsch auf sich nehmen wollte. Hakim gab mir seinen Schal und wir gingen voraus, während ich ihm ausführlich erzählte wie es sich anfühlt, wenn Füße erfrieren.

 

„Wir spielen ein Spiel zur Ablenkung“, schlug er vor. „Ich frage und du antwortest“. Gesagt getan. Erste Frage: „Welche drei wichtigen Eigenschaften sollte dein Traummann haben?“

 

Ich lachte mich tot, denn inzwischen weiß wohl jeder, wie lang meine Liste an gewünschten Eigenschaften ist. Ich versuchte ihm die drei wichtigsten zu nennen und sah ihn in Gedanken grübeln, ob er diese Eigenschaften denn besitze. Ich hätte ihm gern geantwortet: „NEIN“, doch ich ließ es lieber bleiben, denn ich wollte auf dem Heimweg nicht allein erfrieren.

 

Die vierte Frage konnte ich nicht mehr beantworten. „Was war das schönste, das du in deinem Leben erlebt hast.“

 

Ich kann mich nicht entscheiden, sagte ich. „Doch, du musst, das ist das Spiel.“ Ich überlegte, dachte nach, doch ich wusste es nicht. Mir fielen zu viele Dinge ein und ich sagte, ich wolle mich gar nicht entscheiden.

 

Da wurde Hakim wütend, denn er hatte bereits seine Antwort gegeben und sah es nicht als fair an, dass ich mich nicht entscheiden wollte. „Dann hast du verloren und damit hast du uns wieder der Kälte ausgeliefert, denn jetzt ist das Spiel vorbei und wir können nur noch schweigen. Toll!“

 

Zehn Minuten gingen wir trotzig schweigend durch den eisigen Schnee an der Mosel entlang bis zu unserem Wohnheim – keiner wollte den ersten Schritt machen und so ging jeder in sein Zimmerchen, ohne dem anderen auch nur eine gute Nacht gewünscht zu haben.

14.2.10 22:56


Nudeln

Auf wie viele Arten kann man Nudeln essen?

 

Ich finde es gerade heraus und bin im Wohnheim schon bekannt als Nudelmeister, denn immer, wenn ich Jo, Said, Adrien, Hakim oder eins der Erasmus-Mädels treffe, bin ich gerade auf dem Weg in die Küche zum – na was wohl? – Nudeln kochen.

 

Doch auch ich habe schon Spitznamen, zumindest für die männlichen Vertreter meiner neuen Freunde.

 

So zum Beispiel nenne ich Adrien liebenswürdig Monsieur Culotte, Herr Unterhose. Vor knapp zwei Wochen traf ich ihn bei eisigen Minusgraden in der Küche – in Unterhose. Seitdem erwähnt er immer wieder gern, dass er zeigt, was er hat.

 

Said hingegen nenne ich auch liebevoll Monsieur Said, weil ich bis gestern dachte, es gebe ein Buch mit Titel "Monsieur Said et les Fleurs du Coran". Leider musste ich feststellen, dass es in besagtem Buch nicht um Monsieur Said, sondern um Monsieur Ibrahim geht und dass Monsieur Said der Epicier aus der Rue Daguerre in meinen Französisch-Schulbüchern war. Besonders Said lasse ich weiterhin in dem Glauben, er sei die literarische Hauptfigur eines wunderschönen französischsprachigen Romans als ihm zu beichten, dass sein Name in deutschen Schulbüchern die Stereotypisierung aller arabischen Kleinhändler darstellt.

 

Jo ist ein Sonderfall. Er hat keinen richtigen Spitznamen, doch eine Assoziation, die ich immer wieder gern mit ihm verbinde. In seinem Zimmer riecht es aus unerfindlichen Gründen nach nassem Hund – er ist demnach der Chien Mouillé, ein Name, um den ihn keiner behandelt.

 

Auch Hakim hat auf Grund seines Zimmers seinen Spitznamen erhalten. Stolz erzählte er mir bei unserer ersten Begegnung von seiner deutschen Freundin, die genau wie ich Erasmus Studentin war und nach fünf Monaten im siebten Himmel unter Tränen wieder zurück nach Potsdam musste. Sein Zimmer ist deutscher, als ein Oktoberfestzelt. Bierdeckel aus Heidelberg, Tassen aus Berlin, Magnetpins in Form von kleinen kölnischen Doms, ein Stück Mauer, ein VW Käfer aus Plastik. Hakim ist deswegen der Deutsche und wohl gemerkt der einzige, mit dem ich neben Christina gern Kontakt pflege.

 

Als ich ihn heute im Flur antraf, erzählte er mir, dass er nach einem Gespräch mit mir die Welt jetzt klarer sehe: Eine Fernbeziehung mache einfach keinen Sinn und funktioniere einfach nicht. Er mache heute abend mit Jana Schluss. Upps.

 

Doch nicht nur ich gebe Spitznamen. Auf der Suche nach Anna, einer Polin mit reichlich Holz vor der Hütte, begegnete ich Monsieur Culotte in der Küche und fragte ihn, ob er zufällig wisse, in welchem Zimmer sie wohne. „Welche Anna meinst du“, fragte er mich. „Die mit den Brüsten?“

 

Als hätte ich keine.

7.2.10 15:40


Wohnheim-Wochenende

Am Freitag abend war ich deswegen zur Geburtstagsfeier von Jo eingeladen, einem Camerouner, der fast so gut Deutsch spricht, wie ich. Ich wusste, dass er unser gesamtes Gebäude C eingeladen hatte und bereitete mich auf das Megaevent des Jahres vor.

 

Als ich in Jogginghose gegen 19h in Richtung Küche watschelte, begegnete ich Momo. Er würde nicht zum Geburtstag kommen, weil er in ein anderes Zimmer umziehe. Auf der Treppe traf ich Said. Er könne nicht kommen, weil… er sich gerade heißen Tee gemacht hätte und er sagte, dass auch Edmond, sein Nachbar, nicht kommen könnte, weil er ausgegangen sei.

 

Egal, dachte ich mir, und stiefelte weiter. In der Küche befand ich mich plötzlich in Cameroun. Von allen Menschen, die Jo eingeladen hatte, waren nur seine camerounischen Freunde und meine Wenigkeit erschienen. Mit Argusaugen wurde ich von den weiblichen Anwesenden beobachtet, als Jo mich einlud, mit ihm Beignets zu backen, windbeutelähnliche Fettbomben, deren Teig man auf eine bestimme Art kneten muss, um die daraufhin geformten Bulletten in heißes Fett zu legen.

 

Nach einigen Stunden erhielt ich eine Sms meiner Erasmus Kollegin Anna. Party in ihrem Zimmer. Gesagt getan. Immer noch in Trainingsanzug (in dem ich selbstverständlich in meinem ganzen Leben noch nie etwas anderes als meine Geschmacksnerven trainiert habe) ging ich zur nächsten Party, lud jedoch die gesamte Belegschaft in die Küche ein und brachte so die beiden Partys zusammen.

 

Meine Erasmus Party Gäste kamen vor allem bei den männlichen Camerounern gut an und schon schnappten sie sich die beiden polnischen Annas, um mit ihnen die Tanzfläche unsicher zu machen und einen nicht ganz jugendfreien Zouk zu tanzen, ein Tanz, der auch in Senegal getanzt wird und bei dem es scheinbar vor allem darum geht, seinen Partner möglichst nah an sich zu drücken und heiß zu machen. Besonders eine der Annas war ein gefragter Tanzpartner, erst Recht, nachdem sie allen Anwesenden erklärt hatte, in Polen sei sie eine Danceuse – zu deutsch Stripperin – wobei sie eigentlich nur sagen wollte, dass sie seit Jahren Tanzunterricht nimmt.

 

Auch ich war sehr gefragt, besonders bei Jo, der mich bat, doch nach der Party noch mit ihm auszugehen. Gern – aber beim nächsten Mal.

 

Am Samstag schlief ich zunächst einmal aus. Zusammen mit Abass kochte ich lecker Nudeln und machte gegen 16h eine Siesta, um für die Geburtstagsparty am Abend fit zu sein. Julien, ein Kommilitone, hatte mich zum Geburtstag einer Freundin eingeladen. Warum? Weil er mich gern dabei haben wollte. Na denn man Tau.

 

Die „Party“ entpuppte sich schließlich mehr als gemütliches Zusammensitzen und Restaurantbesuch, den ich mit meinen restlichen 12 Euro bezahlte. Als einzige Ausländerin war ich der Hit und konnte jede Menge tolle Witze reißen, indem ich Julien verschiedene Begriffe erklären ließ, die ich angeblich nicht verstand, darunter das Wort Masturbation und Mumu, das hier auch Schnecke heißt. Einer der Anwesenden erklärte warum: Weil das weibliche Geschlechtsorgan ganz offensichtlich die Form einer Schnecke hätte und auch so ähnlich schmecke. Seine Freundin, die neben ihm saß, wurde dabei etwas rot.

 

Gegen 2.30h verließ ich die Party und hinterließ einen etwas traurigen Julien, der sich vorgenommen hatte, mich ganz bis nach Hause zu begleiten (um wohl möglich die Gelegenheit beim Schopfe zu packen?).

 

Sonntag abend fand dann endlich mein zweiter Arabischkurs bei meinem Lieblingsnachbarn Said an. Geduldig klärt er mich seit etwa fünf Tagen über die Geheimnisse der arabischen Sprache auf und verzweifelt fast an meiner okzidentalischen Schreibweise von links nach rechts und schlägt jedes Mal gegen meinen Stift, wenn ich ihn links ansetze.

 

Immerhin meinen Namen kann ich nun schon schreiben. Als ich also in wunderschönem, klassischem Arabisch Alena schrieb, war ich ganz entzückt von mir – genau wie Said, der sagte: „Ja, dieser Name ist so schön wie du!“.

2.2.10 19:18


Tausend und eine Nacht

Nach gefühlten sieben Jahren hatte ich heute mal wieder einen freien Abend, an dem ich rein gar nichts vorhatte, außer mich zu ärgern, dass ich noch immer nicht beim Arzt war:

 

Um hier Sport treiben zu dürfen, benötigt jeder Student ein ärztliches Attest, in dem steht, dass man weder Hautausschlag noch sonst irgendwelche behindernden Krankheiten mitbringt. Abass sagte mir, die Franzosen sichern sich immer ab. Warum man mit Neurodermitis in Frankreich keinen Hochsprung betreiben darf, ist eine andere Frage.

 

Mein Salsa Kurs wurde also mal wieder auf nächste Woche verschoben, auch, wenn ich inzwischen das Gefühl habe, dass wirklich jeder Student daran teilnimmt.

 

Zum Beispiel mein guter Freund Momo, der vor ein paar Stunden bei mir vorbeischaute, um mit mir eine Bewerbung auf deutsch durchzugehen. Er konnte nicht länger als bis 19h bleiben, denn er musste zum Salsa.

 

Genauso erging es meinem guten Freund Abass. Er schrieb mir per Sms, dass er nach dem Salsa vorbeikommen würde, um ganz fürsorglich nach mir zu sehen - aber eben erst danach.

 

Blieb mir also nur noch eins: Mich bei einem meiner vielen anderen Freunde einladen.

 

Mein Opfer war wie so oft mein Nachbar Said. Am Nachmittag hatte ich ihn auf dem Flur erwischt, wie immer mit einer Kanne Tee in der Hand. „Nie lädst du mich, wenn du Tee machst“, sagte ich. „Das ist ja auch marokkanischer Tee, den magst du nicht“, erklärte er mir weise. Noch weiser antwortete ich ihm, dass ich sehr gern Tee trinke, am liebsten Attay. Dass ich wusste, wie sein heiliger arabischer Tee heißt, drehte ihm sichtlich die Zunge im Mund herum und schon sprach er eine Einladung zu seinem nächsten Tee aus.

 

Gegen 21h klopfte er an meiner Tür. Bewaffnet mit seiner Teekanne und einem klitzekleinen Teegläschen. Auch bei Tür-an-Tür-Nachbarn stellt sich manchmal die Frage „Zu mir oder zu dir?“ und wir entschlossen uns für sein Zimmer, dass dem Ambiente nach mehr einer marokkanischen Teestube ähnelte als meins.

 

Als wir gemächlich unseren Tee tranken, äußerte ich meine Bedenken, dieser Tee könne mich fett machen. Said versicherte mir, von diesem Tee könne man nicht fett werden, denn er sei lediglich mit 18 Stücken Zucker auf etwa 200ml gebraut worden.

 

Und da wir gerade wie in Tausend und eine Nacht zusammensaßen, erzählte er mir die Geschichte von einem extrem fetten König, der unbedingt abnehmen wollte. 

 

Der König bestellte also den weisesten der Weisen seines Landes in sein Schloss und bat ihn um Rat. Als der Weise ihm sagte, er wisse nicht, wie er abnehmen könne, gab ihm der König 24 Stunden Bedenkzeit, um ein Mittel gegen seine Fettleibigkeit zu finden, andernfalls müsse er mit seinem Leben bezahlen.

 

Der Weise schloss sich die folgenden 24 Stunden in seine Kammer ein und überlegte hin und her. Bei Morgendämmerung des nächsten Tages verließ er den Raum, trat zum König und sagte: „Ich weiß nicht, wie ihr abnehmen könnt, aber ich weiß, dass ihr in einem Monat sterben werdet!“.

 

In Todesangst vergaß der König, dem Weisen das Leben zu nehmen und kümmerte sich stattdessen noch intensiver um seine Staatsgeschäfte, seine Familie und seine Hobbies. Müde fiel er jeden Abend spät ins Bett und wachte so früh es ging wieder auf, um vor seinem Tode noch so viele Sonnenuntergänge wie möglich genießen zu können.

 

Nach einem Monat war der König noch immer am Leben und rief den Weisen zu sich. Dieser sagte: „Ihr seid nicht tot, nein, aber seht euch doch mal im Spiegel an.“

 

Und tatsächlich, der fette König war – ohne es gemerkt zu haben – ganz dünn geworden.

 

Said sagte zu mir: „Siehst du, unter Stress nimmst du ab!“

 

Ja, ich brauche nur Todesangst zu haben.

28.1.10 11:54


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