Summer Dreaming
In der Uni

Meine ersten Tage an der Paul Verlaine Université Metz sind passés und ich wage, ein kleines Resumé zu ziehen.

 

Am Montag stand ich um Punkt 10.00h in der Fakultät für Literatur- und Sprachwissenschaften: Ich hatte den einzigen Italienisch-Kurs gewählt, der noch in meinen Stundenplan passte und wartete auf die Dozentin, Madame Mancini, ein typisch italienischer Name, der meiner Meinung nach nur vom Familiennamen Salami übertrumpft werden könnte.

 

Madame Mancini erklärte mir in gebrochenem Französisch, dies sei ein Fortgeschrittenenkurs – ihre Studenten würden sogar schon Bücher lesen – ob auf italienisch oder ganz allgemein, erwähnte sie nicht. Wie dem auch sei, ich könne nicht teilnehmen.

 

Ich wartete also bis 16.30h, auf meinen zweiten ersten Kurs: Meinen Französisch Sprachkurs, wo ich zumindest dem Niveau gewachsen bin. Als ich in den Raum betrat, sagte mir die Dozentin, dass dieser Termin nur für diejenigen gedacht sei, die sie zuvor noch nicht hatte einschätzen können. Da ich an der Einführungswoche teilgenommen hatte, schickte sie mich nach Hause.

 

Am Dienstag morgen um 8.00h sollte mein dritter erster Kurs beginnen. Sollte. Auch um 8.45h war ich noch immer die einzige Studentin weit und breit und fühlte mich sehr verloren. Stand ich vor einem falschen Raum? Standen alle anderen vor einem falschen Raum?

 

Ich ging zur Infotheke, die hier glücklicher Weise immer besetzt ist. Die Dame schaute mich fragend an und sagte „Aber Mademoiselle, heute findet dieser Kurs doch noch gar nicht statt. Diese Vorlesung beginnt doch erst nächste Woche.“

 

Ich entschied mich also für einen kurzen Aufenthalt in der Bibliothek, denn schon um 10.30h sollte ich meinen vierten ersten Kurs haben: L’économie des médias.

 

Und tatsächlich: es gab Studenten, es gab einen Dozenten und ich durfte teilnehmen. Mein ganzer Stolz ist jedoch, dass ich dem Großteil der Vorlesung folgen konnte, ohne einzuschlafen und erwarb mein erstes Wissen im Bereich Medien und Wirtschaft.

 

Mein nächster Kurs gestaltete sich allerdings schwieriger: Französische Sprachwissenschaft, bei einem Dozenten, der sein métier ganz offensichtlich liebt. Mit strahlendem Lächeln und fast feuchten Augen erklärten er uns den Unterschied zwischen dem signifiant und dem signifié, zwei Begriffe, die ich nach einer ähnlichen Vorlesung in Mannheim nie wieder hören wollte. Die vielen Fachbegriffe zu verstehen, war nicht ganz einfach und besonders uninteressant – nicht nur für mich. Nach dem zweistündigen Kurs sprach ich den Dozenten an und fragte ihn, ob es ihm Recht sei, wenn ich am Kurs teilnähme. Er sagte: „Oh wie schön, sie interessieren sich für Linguistik! Ich freue mich, dass Sie so hochmotiviert sind und bin sehr geschmeichelt, dass Sie ausgerechnet meinen Kurs gewählt haben. Sie werden es nicht bereuen, diesen Kurs besucht zu haben. Wenn ich Ihnen zu schnell spreche, melden Sie sich einfach, ich gehe nach dem Kurs auch gern noch mal alles langsam mit Ihnen durch und leihe Ihnen Bücher aus, die Sie zum Thema lesen können.“ Ben, merci quoi.

Auch heute hatte ich wieder Vorlesung bei der engagierten Lehrkraft. Ganze viereinhalb Stunden dauerte sie, ein Horror, schon in deutschen Unis.

 

Nur einen Lichtblick hatte ich heute. Meinen Kurs Conception Web, der für zweieinhalb Stunden angesetzt war. Ich muss sagen: Dieser Kurs war einer der witzigsten, den ich je erleben durfte.

 

In den nächsten drei Monaten werden wir lernen, eine Website zu erstellen und zu gestalten. Unsere erste, ganz einfache Website ist bereits online. Zu Ehren der heute verstorbenen französischen Super Nanny (die im Übrigen genauso aussieht, wie die deutsche) kreierten wir eine Super-Nanny-Gedächtnis-Website. In völligem Ernst taufte der Dozent seine Seite „Super Nanny – Tu nous manques“, Super Nanny, du fehlst uns, fügte eine Bildgalerie hinzu und wählte eine große Träne als Hintergrund.

 

In Mannheim lachen wir schon, wenn ein Dozent die Super Nanny auch nur erwähnt.

 

 

21.1.10 11:25


Monsieur Said

Ein Wohnheim ist wie Immer Klassenfahrt.

 

Als ich gestern ganz unbedarft von der Toilette zurück zu meinem Zimmer ging (ich musste die ganz am Ende des Ganges benutzen, weil jemand meine komplett mit roter Farbe beschmiert hatte), stolperte ich direkt in meinen neuen Freund Jo.

„Wohin gehst du“, fragte er mich auf deutsch. „Wir gucken Africa Cup, kommst du mit?“ Und schon war ich wieder mitten drin, statt nur dabei, bei meinem neuen Lieblingsnachbarn Said, der mich freundlich in sein etwas muffig riechendes Zimmer einlud.

 

Da die Hälfte der Zuschauer aus Camerounern bestand, hatte ich keine Wahl – ich wollte in der ersten Woche nicht gleich meine neuen Freunde vergraulen und so setze auch ich mir eine Cameroun Mütze auf und freute und ärgerte mich solidarisch mit den anderen.

 

Während des Spiels fragte ich Said beiläufig, ob er mir nicht seinen Internet Code geben könnte. Zögernd sagte er ja und ich holte meinen Laptop und ließ ihn mich anmelden. Später, beim Rausgehen und nach dem gloreichen 3:2 Sieg der Camerouner über Zambia hielt er mich zurück: „Normalerweise gebe ich mein Passwort niemandem, nur bei dir mache ich eine Ausnahme“.

 

Ein so nettes Kompliment geht runter wie Öl.

 

Ich glaube, Said hat sich sofort in seine neue Nachbarin verliebt, als sie sagte, sie hätte im letzten Semester einen Arabischkurs belegt. Dass sie allerdings nie anwesend war und rein gar nichts gelernt hatte, hatte sie ihm zum Glück verschwiegen, denn sonst hätte er sicher keine Sympathien für das rothaarige Pummelchen gehabt.

 

Nachdem ich gestern ein schlechtes Gewissen dem armen Said gegenüber hatte, der sonst nie sein Passwort rausrückt, brachte ich ihm spontan eine heiße Schokolade vorbei. Als ich klopfte und reinkam, lag er auf dem Bett und schrie sichtlich erfreut „ELINA!“. Als ich ihm die heiße Schokolade feierlich übergab, war er nicht mal erstaunt und sagte nur „achso, danke“. Ich hoffe, er gewöhnt sich nicht zu sehr an seine ihm dienende Nachbarin.

 

18.1.10 20:26


Im Flur

Ein Grund, warum viele meiner Mit-Erasmusstudenten nicht in meinem Wohnheim wohnen möchten (und es deshalb auch nicht tun) ist die Tatsache, dass ein Internetzugang hier wahres Gold wert ist.

Aus unerfindlichen Gründen erkennt mein kleiner aber feiner Computer dennoch ab und an einige Drahtlosnetzwerke. Vor einigen Stunden machte ich mich deshalb auf die Suche nach einem Plätzchen, an dem ich mich gemütlich niederlassen konnte und eine gute Internetverbindung hatte.

Als ich mit meinem Laptop im Arm durch die Flure schlurfte, immer auf der Suche nach Wifi, begegnete ich Agatha, die wiederum mit ihrem Laptop auf dem Weg zu ihrem geheimen Wireless Platz war: Zweite Etage, gegenüber von Zimmer 3217 unter dem Lichtschalter.

Ich gesellte mich zu ihr und wir plauderten über ihre schlechten Erfahrungen als Erasmusstudentin, denn sie war schon ein alter Hase und würde in einer Woche das schöne Metz für immer verlassen und niemals zurückkehren.

„Es ist schrecklich“, erklärte sie mir. Alle würden ihr ständig unmoralische Angebote machen und die Frage „Möchtest du heute Sex mit mir haben?“ hätte sie hier schon tausend Mal gehört.

Als ich sie mir so anschaute, war ich fast ein bisschen traurig. Sie war keine Schönheit und ähnelte eher einer polnischen Hammerwerferin als einer sexy Polin, die den Männern im Wohnheim den Kopf und scheinbar noch einiges mehr verdreht. Bisher dachte ich, dass ich mit meinem Aussehen doch relativ zufrieden sein kann, doch bis jetzt habe ich kein einziges unmoralisches Angebot von männlicher Seite erhalten. Liegt es an mir?

Nach etwa 20 Minuten verabschiedete Agatha sich und ich blieb allein in dem dunklen Flur zurück und drückte alle 3 Minuten den Lichtschalter. Der Nachmittag, so langweilig er auch anfing, entpuppte sich als witziges Kennenlernspiel, denn wer im Flur seine Emails checkt, bleibt nicht lang allein.

Mein erster neuer Freund war Daniel aus Togo, den ich schon vor einigen Tagen meinen neuen Freund nennen durfte. Er blieb fast eine halbe Stunde und plauderte mit mir über dies und jenes – ohne mich auch nur ein bisschen anzubaggern. Was ist los mit mir?

Mein zweiter neuer Freund hieß Alain und stammt aus Cameroun. Er ist Bewohner des berühmten Zimmers 3217 und fand es alle paar Minuten witzig, mich aus seiner Tür auszulachen. Auch er bat mich nicht zu sich herein. Muss ich mir Sorgen machen?

Mein dritter Freund nannte sich selbst Momo. Er ist weder Franzose, noch Deutscher und studiert Französisch und Germanistik. Als ich ihn mit dem Deutsch-Wörterbuch sah und ihn fragte, ob ich ihm helfen könnte, wollte er mir nicht glauben, dass ich Deutsche bin. Ich würde viel zu gut Französisch sprechen! Auch Momo fragte mich nicht nach unmoralischen Diensten. Bin ich so abstoßend?

Mein vierter Freund trägt den schönen Namen Adrien. Er scheint der einzige wirkliche Franzose in diesem Wohnheim zu sein und wäre, ohne seine Zahnspange, ein echter Blickfang. Bei offener Tür putzte er sein kleines Zimmerchen und ja, tatsächlich, er bat mich, doch hinein zu kommen – allerdings nur, um seinen Boden zu schrubben. Seh ich aus, als würde ich nur zum Putzen taugen?

Nach zwei Stunden socialising hatte ich genug – keiner wollte mich, sicher, weil alle nur die sexy Polin im Kopf hatten.

Ich versuchte mein Glück also erneut, denn ich war ins Kino eingeladen. Abass, einer der Studenten der Erasmus-Studenten Organisation, hatte mich um ein Rendezvous gebeten.

Ich musste vermuten, dass er jede süße Erasmus-Schnecke sofort vernascht, doch einen Film anzusehen ist immer noch besser, als im Hausflur ständig abgewiesen zu werden.

Zum Glück flirtet man in Frankreich ganz offen, sodass mann als Frau nicht erst lange hin und herüberlegen muss, ob ER einen mag oder nur nett ist, weil er nett ist oder ob ER das jetzt gesagt hat, weil er eigentlich gedacht hat, dass… Im Kino sagte Abass deshalb sehr freundlich zu mir: „Si tu veux, tu peux mettre ta tête sur mon épaule“ („Wenn du willst, leg deinen Kopf ruhig an meine Schulter&ldquo .

Kein unmoralisches Angebot, aber immerhin ein Angebot, das ich mit einem liebenswürdigen Lächeln ablehnte.

15.1.10 23:35


We Germans

Nachdem ich die erste Nacht in der Jugendherberge zusammen mit einer anderen deutschen Erasmus-Studentin mit Namen Jacqueline (ja, sie kommt aus dem Osten) verbracht hatte, holte uns Gaelle, ein Mitglied der Studentenorganisation „Comme un poisson dans l’eau“ gegen 8.30h ab.

 

Um 9.00h war es so weit: Ich sollte meine neuen Erasmusfreunde in meiner ersten Sprachkursstunde kennen lernen. Super! Ich entschied mich, schon bevor ich die anderen überhaupt kennen gelernt hatte, dass ich am liebsten zwischen einem Belgier und einem Holländer sitzen würde und freute mich schon auf meine beiden gutaussehenden Sitznachbarn. Als ich den Raum betrat, hatte ich die Qual der Wahl: Sollte ich zwischen Kristin und Kristina aus Mannheim, zwischen Hanh und Jacqueline aus Berlin oder neben Stefan aus Saarbrücken Platz nehmen?

 

Natürlich sind wir nicht nur zu sechst in unserem wunderbaren Erasmus-Semester, nein. Die Vertreter anderer Nationalitäten haben es bisher nur noch nicht eingesehen, sich auf ins am Arsch der Welt liegende Metz zu begeben – und erst Recht nicht bei diesem Wetter.

 

Unsere Sprachlehrerin erklärte uns in der Zwischenzeit, dass wir wohl oder übel keinen Sprachkurs während des Semesters angeboten bekämen und versuchte sich einzuschleimen: Einen Sprachkurs hätten WIR ja gar nicht nötig, denn der sei nur für Anfänger.

 

Nach dem Sprachkurs schleppte man uns sechs unbedarfte Deutsche ins Stadtzentrum, wo wir eine Haftpflichtversicherung abschlossen. Ohne diese bekämen wir nämlich kein Zimmer im Studentenwohnheim.

 

Nachdem diese Hürde nun schon einmal genommen war, brachte man uns zum Wohnheim. Tatsächlich hatte ich als einzige schon ein Zimmer sicher, doch die Dame erklärte mir, dass meine Unterlagen unvollständig seien: es fehlte die Kopie des Personalausweises von Mama Geli, die als Bürge für mich aufkommen muss, wenn ich mein Zimmer in Brand steckte.

 

Trotz allem war sie gnädig und ich durfte einziehen – „aber nur für wenige Tage“, solange, bis mein wirkliches Zimmer frei werden würde. „Ich rufe sie dann an“, erklärte sie mir. „Auf mein Handy?“, fragte ich sie. „Nein“, antwortete sie, „natürlich nicht! Ich stecke Ihnen einen Zettel unter der Tür durch“. Nun warte ich auf die Post der guten Frau, die mir sagt, dass ich in mein 18qm großes Zimmer – leider ohne private sanitäre Anlagen – umziehen darf.

 

Doch auch mein jetziges Zimmer ist durchaus angenehm zu bewohnen: Obwohl nur 9qm groß, habe ich immer noch Platz zum Tanzen und besitze zum ersten Mal in meinem Leben einen eigenen Kühlschrank mit Gefrierfach. Vorhin saß ich etwa 15 Minuten auf meinem Bett, um zu überlegen, was ich alles in den Kühlschrank stellen kann. Meinen ersten Einkauf im Supermarkt konnte ich deshalb nicht verschieben und so gammeln jetzt Ziegenkäse, Joghurts und Säfte in meinem neuerworbenen Kühlschrank herum. Warum sie gammeln? Ich habe weder ein Messer, um den Käse zu schneiden, noch einen Löffel, um die Joghurte zu essen, noch ein Glas aus dem ich die Säfte trinken könnte. Morgen werde ich meine neu gewonnen deutschsprachigen Freunde zu einem Besuch bei Ikea überreden müssen.

 

 

12.1.10 15:13


Fahren

Mein erster Tag in Metz beginnt mit einer Reise durch das schöne Deutschland.

 

Nur 50 Minuten hatte der Zug, der mich vorerst zurück ins schöne Mannheim bringen sollte, in Braunschweig Verspätung. Mit Sack und Pack suchte ich mir einen kuscheligen Platz am Fenster. Höflich wie immer, fragte ich meinen mir gegenübersitzenden Nachbarn, ob es für ihn in Ordnung wäre, wenn ich meinen Koffer unter den Tisch stellen würde.

 

Als er den Kopf hob, wollte ich schon fast weiter gehen: unter seinen zusammengewachsenen Augebrauen, die direkt in seinen ungepflegten Drei-Tage-Bart überzugehen schienen, schaute er mich mit halb offenem Mund und leichtem Überbiss ziemlich dümmlich an – es hätte mich nicht gewundert, wenn er dabei gesabbert hätte.

 

Nur meinem großen Repertoire an Vorurteilen gegenüber meinen Mitmenschen verdanke ich, dass ich mit meinem Gepäck nicht noch weiter gegangen bin, denn als der Mann mir antwortete, war klar, dass er wohl ein sehr erfolgreicher Geschäftsmann mit einem unglaublich anstrengenden Job und wohl gerade von der New Yorker Börse gekommen sein musste; es stellte sich heraus, dass er Schweizer war und Schweizer sind in meiner Welt nie ungepflegt oder dümmlich, sondern gehören für mich stets zur multilingualen Elite der Außenseiter der Europäischen Union. Ich setzte mich.

 

Seit etwa zwei Stunden habe ich nun das Vergnügen, den netten Urs – denn so heißen Schweizer in meiner Phantasie immer – beobachten zu können. Urs legte zunächst seinen stinkig aussehenden Füße auf meinen Koffer, holte sein Macbook aus der Tasche und setzte sich überdimensional große Kopfhörer auf, die besonders wenig zu seinem braunen Pyjama-Oberteil passten. Ein Blick auf sein Macbook machte mich nervös: auf die zu mir zeigende Rückseite hatte er ein großes blaues Monsterbild über den Apple geklebt, den man darunter nur noch erahnen konnte. Johannes hätte sich bei diesem Anblick im Grab umgedreht, wenn er denn schon tot wäre.

 

Inzwischen scheint allerdings auch Urs etwas genervt von der – inzwischen 70-minütigen – Verspätung der Bahn zu sein: Während er die letzte Stunde im Rhythmus seiner Musik (Klassik, denn so was hören Schweizer gern) den Zeigefinger wie ein Dirigent hin und her schwang und dabei mit den Lippen den Text nachformte, ist er nun dazu übergegangen, einen Film auf seinem Computer zu gucken. Wahrscheinlich eine Dokumentation über das Königshaus von Monaco, denn so was interessiert die Schweizer immer sehr.

 

Vor wenigen Minuten bestellte er sich bei dem vorüber rennenden Deutsche Bahn Bretzelverkäufer einen Kaffee mit Milch – und gab immerhin 30 Cent Trinkgeld, eine Idee, auf die ich im Leben nicht gekommen wäre. Aber Schweizer sind ja auch reich.

 

In nur acht Stunden bin ich nun immerhin im schönen Saarbrücken – oder wie die Franzosen sagen Sarrebruck – angekommen und sitze nun mit Aggressionen und vier extrem dünnen Französinnen im Zug nach Forbach. Heute ist wirklich nicht mein Tag.

 

Die französische Studentin, die mich am Bahnhof in Metz abholen wird, hasst mich wahrscheinlich schon längst. Etwa vier Mal habe ich ihr heute immer wieder eine neue Ankunftszeit geschickt und habe nun so ein schlechtes Gewissen, dass ich ihr gern was mitgebracht hätte – wenn ich noch was tragen könnte.

 

Zu allem Überfluss ist mein Koffer nicht mehr zu gebrauchen: auf dem Mannheimer Bahnhof sprang erst das eine Rad ab, dann das andere. Da ich, zart wie ich nun mal gebaut bin, den Koffer unmöglich tragen kann (er wiegt geschätzte 320 Kilogramm), schleife ich ihn trotzdem über den Boden, zum Leidwesen der Deutschen Bahn. Ein Mitarbeiter machte mich netter Weise darauf aufmerksam, dass mein Koffer dem Geräusch nach zu urteilen offensichtlich KEIN Ziehkoffer, sondern ein Tragekoffer sei. Als ich ihm vorschlug, er könne mir den Koffer in diesem Fall gern bis zu Gleis 1 tragen, erzählte er mir seine Leidensgeschichte, die ihn seit seinem schlimmen Bandscheibenvorfall im Jahre 2003 beschäftigt. Oft kann der gute Mann sogar nicht arbeiten  und muss stundenlang ruhig im Bett liegen, auf einer Wärmflasche, die er sich nur unter schlimmen Schmerzen zubereiten kann.

 

Inzwischen weiß ich, wie der arme Mann sich fühlen muss, denn auch mein Rücken sehnt sich nach einer Wärmflasche und einer Thaimassage.

11.1.10 17:11


Umziehen

Ortswechsel, Freundeskreiswechsel, Länderwechsel. Zurück in die alte Routine.

Tatsächlich bin ich gerade in Versuchung, einfach mal zu bleiben. Wie wärs mit Berlin? Eine verrückte Vorstellung? Eigentlich nicht, bedenkt man, was andere schon verrücktes angestellt haben, der Liebe willen.

Denken wir zum Beispiel an Rose, bekannter Fahrgast der Titanic. In letzter Sekunde vom Rettungsboot in den fast sicheren Tod zu springen ist sicherlich dümmer, als wegen einer Verliebtheit in die deutsche Bundeshauptstadt zu ziehen.

Oder denken wir an  Lilly, Harry Potters Mutter, die sich wagemutig vor ihren kleinen Sohn wirft, um ihn vor Lord Voldemort zu retten und dafür ihr Leben lassen muss – kaum zu vergleichen mit einem Umzug nach Berlin.

Oder Arielle, die Meerjungfrau, die mir zumindest frisurentechnisch ähnelt: für ihren Traumprinz lässt sie sich in einen Menschen verwandeln und verzichtet auf ihre zauberhafte Singstimme (Arielle und ich haben offensichtlich doch mehr gemeinsam, als ich dachte). Berlin liegt noch nicht mal am Meer.

Mal wieder muss ich feststellen, dass mein Leben leider kein Film ist – auch, wenn ich noch so gern das Drehbuch dafür schreiben würde:

In meinem Szenario wäre die Realität genauso, wie sie jetzt ist – außer, dass ein kluger Kopf – wahrscheinlich der einer Frau – das Beamen entdeckt hätte, zwischen Metz und Berlin, Nairobi und Karlsruhe, Salzgitter und Mannheim, denn dann könnte ich mir, so wie ich es jetzt gern täte,  einen leckeren Tee in Dakar zubereiten lassen mit meinem Teegeschirr aus Mannheim und ihn und den eisigen Schnee bei einem Film über Frankreich aus meiner DVD-Box aus Karlsruhe in einem gemütlichen berliner Bett genießen.

8.1.10 18:31


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