Summer Dreaming
Tausend und eine Nacht

Nach gefühlten sieben Jahren hatte ich heute mal wieder einen freien Abend, an dem ich rein gar nichts vorhatte, außer mich zu ärgern, dass ich noch immer nicht beim Arzt war:

 

Um hier Sport treiben zu dürfen, benötigt jeder Student ein ärztliches Attest, in dem steht, dass man weder Hautausschlag noch sonst irgendwelche behindernden Krankheiten mitbringt. Abass sagte mir, die Franzosen sichern sich immer ab. Warum man mit Neurodermitis in Frankreich keinen Hochsprung betreiben darf, ist eine andere Frage.

 

Mein Salsa Kurs wurde also mal wieder auf nächste Woche verschoben, auch, wenn ich inzwischen das Gefühl habe, dass wirklich jeder Student daran teilnimmt.

 

Zum Beispiel mein guter Freund Momo, der vor ein paar Stunden bei mir vorbeischaute, um mit mir eine Bewerbung auf deutsch durchzugehen. Er konnte nicht länger als bis 19h bleiben, denn er musste zum Salsa.

 

Genauso erging es meinem guten Freund Abass. Er schrieb mir per Sms, dass er nach dem Salsa vorbeikommen würde, um ganz fürsorglich nach mir zu sehen - aber eben erst danach.

 

Blieb mir also nur noch eins: Mich bei einem meiner vielen anderen Freunde einladen.

 

Mein Opfer war wie so oft mein Nachbar Said. Am Nachmittag hatte ich ihn auf dem Flur erwischt, wie immer mit einer Kanne Tee in der Hand. „Nie lädst du mich, wenn du Tee machst“, sagte ich. „Das ist ja auch marokkanischer Tee, den magst du nicht“, erklärte er mir weise. Noch weiser antwortete ich ihm, dass ich sehr gern Tee trinke, am liebsten Attay. Dass ich wusste, wie sein heiliger arabischer Tee heißt, drehte ihm sichtlich die Zunge im Mund herum und schon sprach er eine Einladung zu seinem nächsten Tee aus.

 

Gegen 21h klopfte er an meiner Tür. Bewaffnet mit seiner Teekanne und einem klitzekleinen Teegläschen. Auch bei Tür-an-Tür-Nachbarn stellt sich manchmal die Frage „Zu mir oder zu dir?“ und wir entschlossen uns für sein Zimmer, dass dem Ambiente nach mehr einer marokkanischen Teestube ähnelte als meins.

 

Als wir gemächlich unseren Tee tranken, äußerte ich meine Bedenken, dieser Tee könne mich fett machen. Said versicherte mir, von diesem Tee könne man nicht fett werden, denn er sei lediglich mit 18 Stücken Zucker auf etwa 200ml gebraut worden.

 

Und da wir gerade wie in Tausend und eine Nacht zusammensaßen, erzählte er mir die Geschichte von einem extrem fetten König, der unbedingt abnehmen wollte. 

 

Der König bestellte also den weisesten der Weisen seines Landes in sein Schloss und bat ihn um Rat. Als der Weise ihm sagte, er wisse nicht, wie er abnehmen könne, gab ihm der König 24 Stunden Bedenkzeit, um ein Mittel gegen seine Fettleibigkeit zu finden, andernfalls müsse er mit seinem Leben bezahlen.

 

Der Weise schloss sich die folgenden 24 Stunden in seine Kammer ein und überlegte hin und her. Bei Morgendämmerung des nächsten Tages verließ er den Raum, trat zum König und sagte: „Ich weiß nicht, wie ihr abnehmen könnt, aber ich weiß, dass ihr in einem Monat sterben werdet!“.

 

In Todesangst vergaß der König, dem Weisen das Leben zu nehmen und kümmerte sich stattdessen noch intensiver um seine Staatsgeschäfte, seine Familie und seine Hobbies. Müde fiel er jeden Abend spät ins Bett und wachte so früh es ging wieder auf, um vor seinem Tode noch so viele Sonnenuntergänge wie möglich genießen zu können.

 

Nach einem Monat war der König noch immer am Leben und rief den Weisen zu sich. Dieser sagte: „Ihr seid nicht tot, nein, aber seht euch doch mal im Spiegel an.“

 

Und tatsächlich, der fette König war – ohne es gemerkt zu haben – ganz dünn geworden.

 

Said sagte zu mir: „Siehst du, unter Stress nimmst du ab!“

 

Ja, ich brauche nur Todesangst zu haben.

28.1.10 11:54
 


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