Summer Dreaming
Betrunken

Das Gerücht, dass Polen sehr viel Alkohol und am liebsten Vodka trinken, kann ich inzwischen wohl bestätigen.

 

Gestern feierten wir Annas Geburtstag, die nun 23 Jahre alt und eine recht trinkfeste Polin ist. Zur Feier des Tages lud sie uns deswegen in ihr 9qm Zimmerchen in der zweiten Etage ein. Zu zwölft machten wir es uns gemütlich. Jeder hatte eine Flasche Alkohol dabei außer meine Wenigkeit. Noch etwas angeschlagen von einer Grippe hatte ich mir geschworen, keinen Tropfen Alkohol anzurühren und ließ jede der vier Wodka Flaschen an mir vorüber gehen.

 

Gegen 22h waren alle schon so betrunken, dass der Bus in Richtung Stadt ohne uns abfuhr und der Nachtwächter schon zum zweiten Mal um Ruhe bat. Erst der nächste Bus, der eine Stunde später fuhr, brachte die zwei Nüchternen Hakim und Alena und die zehn bis zum Erbrechen Betrunkenen in die Bar Latino, unsere Stammbar, die eigentlich auch die einzige hier in Metz ist.

 

In der Bar angekommen, waren alle Manieren längst vergessen, nur Abdel nahm mich bei Seite:

 

„Alena, weißt du, ich habe Psychologie studiert und ich beobachte dich schon eine ganze Weile. Deine Gestik, wie du lachst, wie du dich bewegst – für mich ist es klar: Du willst Hakim! Diese Spannung zwischen euch ist kaum zum Aushalten. Wir wären alle erleichtert, wenn du endlich rangehen würdest.“

 

Alles Abstreiten meinerseits wurde nicht akzeptiert. Abdel hatte gesprochen. Ich durfte gehen.

 

Tatsächlich muss ich zugeben, dass Hakim ein „beau gosse“ ist, ein gutaussehender junger Mann, doch das wissen nicht nur die anderen, sondern auch er. Hinzu kommt sein marokkanisches Temperament, mit dem er mich jedes Mal anschreit, wenn ich ihn nicht ausreden lasse oder mich als „Ausgeburt des Bösen“ beschimpft wenn ich ihm sage, dass er besser sein Hemd hätte bügeln sollen. Allein unsere inzwischen freundschaftliche Beziehung ist recht turbulent, weswegen ich sie nicht unbedingt vertiefen möchte.

 

Trotzdem verbrachte ich den Großteil des Abends mit meinem neuen besten Freund Hakim, der einzig Nüchterne in der Runde und lästerte über Anna, die unglaublich betrunken wie eine Stripperin tanzte, über Karolina, die, wenn sie nicht betrunken ist, ausgesprochen gut Ballett tanzt (so gut wie ich wir sie wohl aber nie werden), gestern aber öfter gegen Stühle, Wände und Tische knallte oder Milena, die bäuchlings auf dem Tisch lag oder, oder, oder.

 

Hakim und ich versuchten uns im lateinamerikanischen Standardtanz, an dem wir kläglich scheiterten und doch unseren Spaß hatten. Tapfer verteidigte er mich vor seltsamen Typen, die unbedingt das Tanzbein mit mir und meinen sexy Hüften schwingen wollten und erklärte jedes Mal, ich wäre mit ihm da und man müsse erst mit ihm tanzen, bevor er mich freigebe. Nur seinem besten Freund Abdel konnte er einen Tanz mit mir nicht verweigern, der mich daraufhin bat, mich bitte küssen zu dürfen.

 

Ich erinnerte ihn an seine Freundin Monica. „Nein, nein, wir vertrauen uns blind. Sie wird mir nicht böse sein, wenn wir uns als Freunde küssen.“ Da erklärte ich Abdel freundschaftlich, dass ich ihm mit voller Kraft in sämtliche Gliedmaßen treten würde, sollte er mit seinen Lippen auch nur in die Nähe meines Gesichts kommen.

 

Hakim hingegen war schon zur Stelle, zog schnell den Ausschnitt meines Oberteils nach oben und entriss mich Abdels gierigen Armen, der sein Glück inzwischen bei Anna versuchte, die mit zerwühlten Haaren versuchte auf einem Tisch zu tanzen.

 

Ich verstand mich tatsächlich gut mit Hakim bis Karolina, die betrunkene Tschechin auf uns zu geschwankt kam und ihm um den Hals fiel. Hakim sagte scherzeshalber, er wolle nicht, dass ich eifersüchtig würde. Da antwortete Karolina, ich würde nie eifersüchtig sein, denn ich wäre ja schon in Abass verliebt.

 

Boom!

 

Von einem lauthalsen Lachen versteinerte sich Hakims Gesicht in einer Zehntelsekunde, er drehte sich um und war von da an beleidigt und fest davon überzeugt, dass Betrunkene immer die Wahrheit sagen. Nein, erklärte ich ihm, Betrunkene sagen immer das, was sie für die Wahrheit halten. Er glaubte mir nicht und drehte mir stattdessen den Rücken zu und redete über eine Stunde nicht mehr mit mir.

 

Gegen 4 Uhr morgens waren plötzlich alle weg. Xavier, der grundsätzlich Alkohol trinkt, wenn er Auto fährt, fragte mich, ob er mich mitnehmen solle. Ich sagte nein, und sagte auch den anderen, sie sollen nicht mit ihm fahren und stattdessen mit mir ein Taxi nehmen. Karolina erklärte mir lallend, dass ich übertreiben würde. Xavier hatte nur drei Bier und einen Wein getrunken, und selbst sie könne in ihrem Zustand noch Auto fahren.

 

Ich fragte also Anna, Milena und die anderen Verdächtigen. Nein, sie würden noch bleiben, es sei gerade so schön. So schön, dass wir schon fast die einzigen auf der Tanzfläche waren.

 

Blieben nur noch Abdel, Monica, Hakim und ich, die Ballerinas mit dünnen dünnen Söckchen trug und unter keinen Umständen den 25-minutigen Fußmarsch auf sich nehmen wollte. Hakim gab mir seinen Schal und wir gingen voraus, während ich ihm ausführlich erzählte wie es sich anfühlt, wenn Füße erfrieren.

 

„Wir spielen ein Spiel zur Ablenkung“, schlug er vor. „Ich frage und du antwortest“. Gesagt getan. Erste Frage: „Welche drei wichtigen Eigenschaften sollte dein Traummann haben?“

 

Ich lachte mich tot, denn inzwischen weiß wohl jeder, wie lang meine Liste an gewünschten Eigenschaften ist. Ich versuchte ihm die drei wichtigsten zu nennen und sah ihn in Gedanken grübeln, ob er diese Eigenschaften denn besitze. Ich hätte ihm gern geantwortet: „NEIN“, doch ich ließ es lieber bleiben, denn ich wollte auf dem Heimweg nicht allein erfrieren.

 

Die vierte Frage konnte ich nicht mehr beantworten. „Was war das schönste, das du in deinem Leben erlebt hast.“

 

Ich kann mich nicht entscheiden, sagte ich. „Doch, du musst, das ist das Spiel.“ Ich überlegte, dachte nach, doch ich wusste es nicht. Mir fielen zu viele Dinge ein und ich sagte, ich wolle mich gar nicht entscheiden.

 

Da wurde Hakim wütend, denn er hatte bereits seine Antwort gegeben und sah es nicht als fair an, dass ich mich nicht entscheiden wollte. „Dann hast du verloren und damit hast du uns wieder der Kälte ausgeliefert, denn jetzt ist das Spiel vorbei und wir können nur noch schweigen. Toll!“

 

Zehn Minuten gingen wir trotzig schweigend durch den eisigen Schnee an der Mosel entlang bis zu unserem Wohnheim – keiner wollte den ersten Schritt machen und so ging jeder in sein Zimmerchen, ohne dem anderen auch nur eine gute Nacht gewünscht zu haben.

14.2.10 22:56
 


bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


/ Website (2.5.10 17:23)
Ich lach mich schlapp! Schade, dass Du mir Hakim nicht vorgestellt hast!

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