Summer Dreaming
Missverständnisse

Nach einer kurzen, aber anstrengenden Woche bin ich nun wieder ins gute alte Metz zurückgekehrt. Was habe ich alle hier vermisst.

 

Said zum Beispiel, den ich gestern zu einem deutschen Frühstück eingeladen habe, dass vornehmlich aus Pumpernickel-Brot und Mortadella bestand. Dass er letzteres aß, musste ich mir hart erkämpfen: „Das kann ich nicht essen, das ist nicht ‚halal’“, erklärte er mir.

 

Ja, als Moslem hat man es nicht leicht. Nicht allein, dass man kein Schweinefleisch essen darf, man darf alle anderen Tiere auch nur essen, wenn sie auf eine bestimmte Weise geschlachtet wurden. Die Kehle aufgeschnitten zu bekommen und dann auszubluten tue den kleinen Kälbern dabei weniger weh, als ein Stromschlag im Wasserbad. Außerdem sei es witzig, ein kopfloses Huhn über den Hof rennen zu sehen.

 

Als ich noch mal einen Blick auf die Mortadella-Verpackung warf, stellte ich fest, dass ich nicht nur Geflügelmortadella gekauft hatte, sondern diese auch tatsächlich (wenn auch zufällig) ‚halal’ war, sodass Said mir mit einem „du kennst dich ja wirklich gut aus“ ein nettes Kompliment machte und richtig reinhauen konnte.

 

Unsere Gespräche hatten, wie so oft, den Islam zum Inhalt. Jedes Mal, wenn ich Said dazu etwas frage, betont er vorher, dass er nicht alle Einzelheiten kenne und mich nur an dem  wenigen teilhaben lassen könne, was er darüber wisse.

Er erklärte mir, dass er später gern mehrere Frauen heiraten möchte, denn er hätte gern viele Kinder. „Mal sehen, ob ich das finanziell auf die Reihe bekomme“, sagte er ganz verträumt in Gedanken bei seinem späteren reich erfüllten Sexleben. Meine Angst, dass er mich in seinen Harem aufnehmen wolle, nahm er mir, indem er sagte: „Tut mir leid Alena, ich mag dich wirklich, aber ich würde nie eine Europäerin heiraten“. Glück gehabt.

 

Als ich ihn fragte, was er denn für die Osterferien geplant habe, guckte er mich nur fragend an: „Was für Ferien?“. Bis sich herausstellte, dass er nicht wusste, was Ostern ist, vergingen einige Minuten.

 

Am Abend hatte ich mich mit Abass zum Essen verabredet, der von mir und Mama Geli zum Dank für seine Bemühungen den „selbstgestrickten“ Senegal-Schal geschenkt bekam. Ihm fiel leider sehr schnell auf, dass eine Woche Deutschland mich um einige Französischkenntnisse gebracht hatten.

 

Als ich so durch mein Zimmer turnte, verlor ich plötzlich die Balance und knallte gegen meinen Kühlschrank. Da er gerade den Abwasch erledigte (ich hatte schließlich gekocht), konnte er nur hören, nicht sehen, was passiert war und fragte, was los sei. „J’ai perdu ma balance“, rief ich, ziemlich glücklich, dass einige Wörter im Deutschen und Französischen doch gleich sind.

 

„Wie, hast du die mitgenommen oder was? Brauchst du die, um dein Gewicht zu überwachen?“, fragte er.

 

„Häh?“, sagte ich, und erklärte ihm, dass meine Balance mit meinem Gewicht nichts zu tun hätte, dass man sie verlieren kann, egal, ob dick oder dünn.

 

„Aber wie kannst du denn einfach so deine ‚Balance’ verlieren?“, fragte er.

 

„Ich hab getanzt und bin dann gegen den Kühlschrank gefallen, einfach so“, antwortete ich.

„Und dabei hast du deine ‚Balance’ verloren? Aber dann muss sie doch noch irgendwo sein!“, antwortete er.

 

Erst nach längerer Zeit aneinander Vorbeiredens stellten wir fest, dass das Wort „balance“ auf Deutsch nicht etwa Gleichgewicht bedeutet, sondern Waage.

 

1.3.10 11:27
 


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