Summer Dreaming
Skiköpfe

Das Leben einer Erasmus Studentin ist nicht gerade leicht: ständig ist man unterwegs, ständig betrunken, ständig gibt man Geld aus für Eintritte und alkoholische Getränke.

 

Zumindest stellte sich Milena, meine italienische Mitstudentin, ihr Erasmusdasein so oder so ähnlich vor. In der letzten Woche beschwerte sie sich, wild gestikulierend, wie sich Italiener nun mal ausdrücken, dass wir eine extrem langweilige Truppe seien, die nie was unternehmen würden. Sie würde sich jetzt endgültig der Sache annehmen und eine Party planen, während der wir uns alle hemmungslos besaufen und auf den Tischen tanzen oder darunter liegen.

 

Bis heute ist aus ihrem gloreichen Plan nicht viel entstanden, wenn ich auch für meinen Teil behaupten kann, dass ich nicht ständig rumsitze und nichts tue.

 

Am Freitag war ich so zum Beispiel von Abass auf den Abschlussball der Masterabsolventen eingeladen, zu dessen Anlass ich mir ein unglaublich schickes Kleid gönnte (H&M, 24,95&euro. Said, der oft als mein Ganz-Körper-Spiegel fungiert, segnete mich ab und schon gings los, zusammen mit Abass Freunden, die alle nicht sehr in Feierlaune waren.

 

Die Gala fand in einem mittelgroßen Konzerthaus statt. Als wir reinkamen, warnte mich Abass vor seinem Englischdozenten Mr. Cooper, der jedes hübsche Mädchen sofort anbaggern würde (worauf ich den ganzen Abend vergeblich wartete).

 

Das Programm war klar strukturiert: Essen – Unterhaltungsprogramm – Essen, genauso, wie ich es gern hab. Das Menü begann vielversprechend mit einer Entenleberpastete auf Erbsenpüree an Orangenparfum (oder so ähnlich). Gespannt wartete ich nach dem Entrée auf das Plat Principal. Ich hoffte auf einen leckeren Lammrücken, Rinderfilet, gern auch Schweinerippchen geschwenkt in Weißweinsauce. Meine Erwartungen wurden bitter enttäuscht, als man mir einen Teller mit Lachs vor die Nase stellte, auf dem es sich zwei Langusten bequem gemacht hatten.

 

Angeekelt von den beiden scheinbar noch lebenden Meeresfrüchtchen, die mich mit ihren schwarzen Augen anstarrten, blickte ich mich um. Ich wollte nicht unhöflich sein, indem ich laute Brechreizgeräusche von mir gab und erst einmal überprüfen, ob sich gerade nur mein Magen verdrehte. Thomas, der neben mir saß, verspeiste bereits seine zwei kleinen Freunde. Abass schien zum Glück ein ähnliches Verhältnis zu Langusten zu haben, wie ich. So bestellten wir einen zweiten Teller auf dem wir – und 80% des Tisches – unsere Krebschen abluden.

 

Vor dem Dessert schließlich begann endlich das langersehnte Entertainment Programm. Eine Variété-Show, in der die Frauen zu Beginn noch recht konservativ gekleidet waren, deren Abschluss jedoch in einer Oben-Ohne-Unten-String-Choreografie mündete.

 

Gestern hatte ich Abass schließlich zu einem deutschen Filmeabend eingeladen. Das Leben der Anderen stand auf dem Programm im Sander Kino. Abass sagte: „Ich bringe Popcorn mit!“ Meinen Protest, dass das Leben der Anderen kein Popcorn-Film sei, sondern das grausame Schicksal meiner Landsleute in einer menschenverachtenden Diktatur zeige, störte ihn nicht.

 

Abass, der sich sehr für die deutsche Teilung zu interessieren scheint, beharrte nach dem Film darauf, sämtliche Kommentare anzusehen, die alle französisch untertitelt waren. Während wir also einem ehemaligen Stasi-Beamten lauschten bzw. lasen, musste ich plötzlich lachen:

 

In sächsischem Dialekt erklärte der gute Herr, die Stasi habe tatsächlich für die Sicherheit des Staates gesorgt, indem sie vor allem westliche Erscheinungsbilder überwachten und kontrollierten. Als Besipiel nannte er Punks und Skinheads – irrte sich aber in der Aussprache des letzteren, sodass er aus Versehen aber voller Überzeugung "Ski-Heads" sagte. Dies sind ganz klar Menschen, deren Köpfe die Form von Skiern besitzen, eine offensichtlich westlich-kapitalistische Ausprägung.

8.3.10 14:34
 


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