Summer Dreaming
Verkehrschaos

Wenn in Europa keine Flugzeuge mehr abheben, die Züge überfüllt sind und die Bahngesellschaften das Geschäft ihres Lebens machen, was macht dann die französische Bahn?

 

Streiken!

 

Am Freitag, als ich mich von meinem seit so langer Zeit herbei gefieberten Treffen mit Shirin nur noch wenige Stunden trennten, fuhr ich zum schönen Metzer Bahnhof, um mich dort auf die vierstündige Fahrt nach Bonn zu begeben.

 

Wie immer gab ich mich sehr undeutsch und stellte mich eine dreiviertel Stunde, bevor mein Zug abfuhr, in eine etwa zwanzig Meter lange Schlange. Adrenalinkick garantiert.

 

Als ich endlich dran war und mir die Frau am Schalter mein Ticket verkauft hatte, fragte sie mich scheinheilig, ob ich denn schon wisse, auf welchem Gleis mein Zug fuhr. Ich wusste es nicht und sie riet mir, lieber noch mal an der Information nachzufragen.

 

Ich rannte also zum Infoschalter. Noch drei Minuten. Und wartete, bis sich ein junger SNCF Angestellter erbarmte (wahrscheinlich, weil ich an diesem ersten wunderschönen Frühlingstag so bezaubernd aussah) und mir erklärte, dass niemand wisse, wo and wann Züge eintreffen würden. Oder ob überhaupt. Er deutete auf einen Stand aus einem großen Pappkarton, in dem ein lilagekleideter Herr mit Schnurbart saß. An den solle ich mich wenden.

 

Ich ging also zu dem Mann im Karton, den bereits dutzende andere Fahrgäste umdrängten. „Warum streikt die SNCF schon wieder?“, wollten alle wissen.

 

Der Schnauzbärtige betonte, dies sei kein Streik. In einem Streik seien die streikenden verpflichtet, einen minimalen Beförderungsservice anzubieten. Eine gewisse Prozentzahl des Fahrplanes muss dann eingehalten werden. An diesem Tag würden allerdings GAR KEINE Züge fahren, nicht mal einer.

 

In diesem Moment ging mein Blick hoch zur Anzeigetafel auf der zur selben Zeit wie durch ein Wunder restlos alle Züge verschwanden.

 

Der Mann erklärte, dass am vorigen Tag, ein Kontrolleur Opfer von Gewalt geworden war und sich die Kontrolleure aus diesem Grund heute nicht zur Arbeit gemeldet haben. Sie seien nicht gekommen. Doch ohne Kontrolleur könne ein Zug niemals abfahren. Das sei ein Gesetz, weswegen der gesamte Schienenverkehr in der Region Lorraine zum Stillstand gebracht worden sei.

 

Meine unglaublich große Wut mischte sich mit Bewunderung: Wussten die Franzosen denn nicht, dass ein Zug auch ohne Kontrolleur fahren kann? Schlimmer wäre es doch, wenn der Motor fehlte! Und wussten die Franzosen nicht, dass ihnen heute, am Tag des Nichtfliegens, das Geschäft ihres Lebens durch die Lappen ging.

 

Ja, sie wussten es.

 

Als ich den freundlichen Herr fragte, was ich denn nun tun könne, ich hätte einen wichtigen Termin, grinste er mich an und sagte:

 

„Nehmen sie doch das Flugzeug“

20.4.10 08:59
 


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