Summer Dreaming
Karius und Baktus

Vor etwa 10 Tagen stellte ich ein klaffendes Loch in meinem linken Backenzahn fest. Eine Schrecklichkeit, die in ihresgleichen nicht zu übertreffen war, denn sie hinderte mich daran, meiner Lieblingsaktivität, dem Schokoladeessen, nachzugehen.

 

Gestern, nach einem mehr oder weniger sinnlosem Tag, hatte ich plötzlich die Eingebung, wenigstens etwas schaffen zu müssen und lies mir einen Termin beim Zahnarzt geben. Ich hatte frühstens mit nächster Woche gerechnet doch der Zahnarzt, der in seiner Praxis mangels Sprechstundenhilfe selbst die Termine vergibt, setzte meinen Termin auf heute morgen um 8.30h an. Kaum Zeit, sich mentral darauf vorzubereiten.

 

Seit dem ich mir nach der Behandlung keine belohnenden Spielzeuge mehr aus einem großen Korb neben der Rezeption fischen kann, habe ich in den letzten Jahren meiner Jugend eine höllische Angst vor Zahnärzten entwickelt. Obwohl ich die Zunft der Zahnärzte doch mehr als bewundere, muss ich jedem Zahnarzt, bevor ich meinen Mund öffne, klarmachen, dass er diese Patientin nicht überleben wird, wenn er ihr auch nur einen Zahnschmelz krümmt.

 

Als ich das Kabinett (so würde man "Praxis" auf Französisch übersetzen, was in Anlehnung an die Assoziation an das Wort Gruselkabinett sehr passend klingt) des Zahnarztes betrat, wollte ich am liebsten sofort rausrennen. Seine Geräte schienen älter als er selbst, der einen Arztkittel aus vergangenen Zeiten mit auffällig vielen Reißverschlüssen trug.

 

Ich erklärte ihm also, dass ich wirklich, wirklich Angst hätte und er versprach mir, sehr vorsichtig zu sein. Ich solle einfach die linke Hand heben, wenn ich Schmer… zack, war die Hand auch schon oben, allerdings nicht die linke, sodass ich ihm aus Versehen eine klebte.

 

Meine wunderschönen Zähne wurden aufs äußerste gelobt (bzw. lobte er viel mehr seinen Kollegen, den Kieferchirurgen, der dieses Kunstwerk auf dem Gewissen hat) und mein „kleines“ Kariesproblem würde er schnell mit dem Bohrer beseitigen.

 

Ob es da ‚ne Spritze gäbe? „Ach, das brauchen wir nicht“, sagte mein Arzt. Ich weigerte mich nur einige Sekunden lang, den Mund zu öffnen und hob vorsichtshalber schon den linken Arm an. Bohren ohne Spritze? Was für ein Horrorarzt saß da vor mir?

 

Nachdem er das Loch gefüllt hatte, bemerkte er, dass fast alle meine Zähne von außen fast komplett frei von Zahnschmelz waren. Wie ich denn die Zähne putzen würde, fragte er mich und holte sein uraltes künstliches Klappergebiss aus der Schublade, pustete einmal drüber, um den Staub zu entfernen und drückte es mir in die Hand.

 

Ich schrubbte also mit der Zahnbürste das Plastikgebiss, wie ich es auch mit meinen Zähnen tat. Der Zahnarzt brach fast zusammen: Diplomatisch lobte er zwar meine „Energie“, die ich ins Zähneputzen steckte, doch erklärte mir auch, dass ich mit dieser Methode wirklich alles wegputze – auch den schützenden Zahnschmelz.

 

Wie in der Grundschule zeigte er mir also, wie ich meine Zähne in Zukunft putzen solle: mit kreisenden Bewegungen („aber Vorsicht, das geht auf die Arme!&ldquo. Wie peinlich!

 

Knapp eine Stunde werkelte der Herr an meinen Zähnen herum, während mein linker Arm, der ständig in die Höhe schnellte, schon an Blutzufuhr litt. Ich musste unwillkürlich an den indischen Mann denken, der seinen rechten Arm zum Protest gegen irgendetwas für einige Wochen in die Luft heben wollte und der in dieser Zeit abgestorben ist, sodass er seinen Arm nun sein Lebtag in die Luft strecken muss.

 

Dass mein Arm doch noch ausreichend mit Blut versorgt wurde, merkte ich, als ich den Stundenlohn der Zahnarztes erfuhr, den ich mit kalten Fingern in sein EC-Kartenlesegerät eintippte: 155, 40 Euro.

23.4.10 17:58
 


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